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Essay für eine bemerkenswerte Frau

Diesen Beitrag schreibe ich für meine Schwiegermutter Ruth Richter. An ihrem 90. Geburtstag im Sommer letzten Jahres habe ich über dieses Thema in ihrer Heimatgemeinde in Bernburg gesprochen. Sie hat mich gebeten, meine Gedanken aufzuschreiben und mit anderen zu teilen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich die Zeit dazu gefunden habe, aber auch aus ständig wiederkehrenden aktuellen Anlässen geht mir das Thema nicht aus dem Kopf.

Da meine Schwiegermutter in der Nähe des Harzes wohnt und die Landschaften dort liebt, habe ich einige Fotos eingefügt, die ich letztes Jahr bei einer Wanderung durch das Bodetal gemacht habe.

Im Buch Mormon, im Buch 4. Nephi gibt es eine Textpassage (in den Versen 20-25), die ich für besonders tragisch halte.

„… und es war noch immer Friede im Land, außer dass es einige wenige im Volk gab, die sich gegen die Kirche aufgelehnt und den Namen Lamaniten auf sich genommen hatten; darum gab es allmählich wieder Lamaniten im Land. …
Und es begab sich: Zweihundert Jahre waren vergangen; und die ganze zweite Generation war vergangen außer einigen wenigen. …
Und nun, in diesem zweihundertersten Jahr [A.D.] fing es an, dass es unter ihm [dem Volk] welche gab, die im Stolz überheblich wurden, sodass sie kostbare Gewänder und allerart feine Perlen und feine Dinge der Welt trugen.
Und von der Zeit an hatten sie ihre Güter und ihre Habe untereinander nicht mehr gemeinsam.“

Um zu verstehen, was hier wirklich passiert ist und warum es so tragisch ist, müssen wir uns die Geschichte vorher und nachher etwas genauer ansehen und darüber nachdenken, wie wir das, was wir in den Heiligen Schriften lesen, auf uns und unsere Zeit beziehen können.

Vom Zeitpunkt dieser Schriftstelle gehen wir mal etwas weniger als 200 Jahre zurück in eine Zeit, in der das organisierte Verbrechen so mächtig geworden war, dass daraus eine akute Existenzbedrohung entstand (siehe 3. Nephi ab Kapitel 2). Das Bemerkenswerte war, dass diese Bedrohung das Volk veranlasste, so eng zusammenzurücken, dass es gelang, den Armeen des organisierten Verbrechens die Lebensgrundlagen zu entziehen, sie entscheidend zu schwächen und schließlich zu besiegen. Um das zu erreichen, war es notwendig, den verhängnisvollen Trend, dass Menschen zum organisierten Verbrechen überliefen und aktive oder passive Unterstützung gewährten, zu stoppen. Eine Situation, die uns heute nicht unvertraut ist und in der wir leider nicht diese Entschlossenheit sehen, die in der Breite erforderlich wäre, um die Untaten, die von solchen Bewegungen verübt werden, zu verhindern.

Leider müssen wir im Buch Mormon lesen, dass der erzielte Erfolg nicht nachhaltig war. Sobald es den Menschen wieder besser ging, kehrten viele von ihnen zu den alten, destruktiven Verhaltensweisen zurück mit sehr negativen Folgen für den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft. Der Geschichtsschreiber Nephi schildert es unter anderem so:

Und so waren noch keine sechs Jahre vergangen, seit der größere Teil des Volkes sich von seiner Rechtschaffenheit abgewandt hatte, wie ein Hund sich dem, was er gespien hat, oder wie eine Sau sich dem Kot, worin sie sich gewälzt hat, zuwendet.“ (siehe 3. Nephi 7:8)

Das Land war praktisch unregierbar geworden und die Gesellschaft spaltete sich in viele Gruppen, die von den jeweiligen Partikularinteressen getrieben wurden. Einig waren sie sich nur darin, alle Kräfte, die ihre gottlose Lebensweise nicht gut hießen, auf ihre Seite zu ziehen oder zu eliminieren.

Doch dann gab es einen großen Schnitt, denn es trat etwas ein, wovon Propheten jahrhundertelang gesprochen hatten und wovon ein großer Teil der Gesellschaft nichts hören wollte: Die Zeichen, die im Zusammenhang mit der Kreuzigung von Jesus Christus prophezeit worden waren, erfüllten sich auf drastische Weise in Form von Naturkatastrophen, die viele Opfer forderten. Das war das eine. Das andere war, dass unmittelbar danach der auferstandene Christus einer großen Menschenmenge erschien, denen damit endgültig klar wurde, dass die Auferstehung kein Hirngespinst oder eine mystische Symbolik sondern eine buchstäbliche Tatsache ist. Für die Gläubigen erfüllte sich DIE grundlegende Hoffnung und Basis ihres Glaubens.

Was hatte Jesus Christus den Menschen zu sagen? Was waren die ersten Dinge, die er unten ihnen tat? Das Buch 3. Nephi gibt darüber ab Kapitel 11 ausführlich Auskunft. Ich möchte einige Punkte anführen:

  • Der Vater gab Zeugnis von Seinem eingeborenen Sohn.
  • Jesus Christus bestätigte, dass er der ist, von dem die Propheten gesprochen haben.
  • Er bestätigte weiterhin, dass er das Sühnopfer vollendet hat und ließ die Menschen seine Nägelmale fühlen – ein beeindruckender Vorgang, der viele Stunden gedauert haben muss.
  • Er betonte die Notwendigkeit von Umkehr und Taufe und forderte die Menschen zu Einigkeit und Beilegung von Konflikten auf.
  • Er verhieß ihnen, dass der Heilige Geist ihnen Zeugnis von diesen Dingen geben wird und erklärte die Bedingungen, um in das Reich Gottes zu gelangen.
  • Er berief zwölf Jünger, denen er Vollmacht gab, in Seinem Namen zu amtieren.
  • Daraufhin gab er ihnen die Bergpredigt (3. Nephi Kapitel 12-14), deren Lehren nicht nur eine Aufzählung von möglichen Handlungsoptionen sind, sondern die einen konkreten Lebensstil und Haltungen zu den meisten relevanten Fragen des erfolgreichen Zusammenlebens einer Gesellschaft vermitteln. Dazu später noch mehr.
  • Er heilte die Kranken, segnete die Kinder und führte das Abendmahl zum Gedächtnis an Sein Sühnopfer ein.
  • Er erklärte viele Dinge in Bezug auf das Haus Israel und organisierte die Kirche Christi.

Jesus tat und lehrte noch vieles mehr, aber das kann jeder selbst nachlesen. Fakt ist, dass Sein relativ kurzes Wirken unter dem Volk Nephi eine enorme und nachhaltige Wirkung hatte. Im 4. Nephi 1:2-3 heißt es:

Und es begab sich: Im sechsunddreißigsten Jahr wurde alles Volk zum Herrn bekehrt, im ganzen Land, sowohl die Nephiten als auch die Lamaniten, und es gab keine Streitigkeiten und Auseinandersetzungen unter ihnen, und ein jeder ging gerecht mit dem anderen um.
Und sie hatten alles unter sich gemeinsam; darum gab es keine Reichen und Armen, Geknechteten und Freien, sondern sie waren alle frei geworden und hatten teil an der himmlischen Gabe.

Was waren das für Lehren, zu denen sich die Menschen bekehrten und die übrigens unabhängig von konfessioneller Bindung sind? Viele gelten heute als überholt, nicht anwendbar, stock-konservativ, etwas für Naivlinge oder Gutmenschen, nicht geeignet für Individualismus, zu schwierig zu befolgen in einem Umfeld, dass sich nicht darum schert. Das einzige, was von diesen Argumenten stimmt, ist, dass die Lehren der Bergpredigt nicht einfach umzusetzen sind. Aber sie sind zeitlos. Zur Anwendung bedarf es Mühe, Motivation, Lernen, Disziplin, Haltung und Entschlossenheit, sich persönlich zu ändern (wie übrigens immer, wenn es darum geht, wenn man etwas zum Guten ändern möchte). Und es braucht eine ausreichende Portion Glauben.

Vor einigen Wochen habe ich für meine Frau einen Extrakt der wichtigsten Punkte erstellt (siehe 3. Nephi Kapitel 12 ab Vers 3):

„Ja, gesegnet sind die im Geist Armen, die zu mir kommen, denn ihnen gehört das Himmelreich.
Und weiter, gesegnet sind alle, die da trauern, denn sie werden getröstet werden.
Und gesegnet sind die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde ererben.
Und gesegnet sind alle, die hungern und dürsten nach Rechtschaffenheit, denn sie werden vom Heiligen Geist erfüllt werden.
Und gesegnet sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Und gesegnet sind alle, die im Herzen rein sind, denn sie werden Gott sehen.
Und gesegnet sind alle Friedensstifter, denn sie werden die Kinder Gottes heißen.
Und gesegnet sind alle, die um meines Namens willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich.
Und gesegnet seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und fälschlich gegen euch allerart Böses reden;
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich gebe es euch, das Licht dieses Volkes zu sein. Eine Stadt, die auf einem Berge liegt, kann nicht verborgen bleiben. Siehe, zündet man eine Kerze an und stellt sie unter einen Scheffel? Nein, sondern auf einen Leuchter, dann gibt sie allen Licht, die im Hause sind;
darum lasst euer Licht vor diesem Volk so leuchten, dass es eure guten Werke sieht und euren Vater, der im Himmel ist, verherrlicht.
Ihr habt gehört, dass von denen in alter Zeit gesagt worden ist, und es steht auch vor euch geschrieben: Du sollst nicht töten, und wer auch immer tötet, dem droht das Strafgericht Gottes;
aber ich sage euch: Wer auch immer seinem Bruder zürnt, dem droht sein Strafgericht. Und wer auch immer Hohlkopf zu seinem Bruder sagt, dem droht der Rat; und wer auch immer sagt: Du Narr, dem droht das höllische Feuer.
Darum, wenn ihr zu mir kommt oder den Wunsch habt, zu mir zu kommen, und es fällt dir dabei ein, dass dein Bruder etwas gegen dich hat –
so gehe deinen Weg zu deinem Bruder und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, und dann komme mit voller Herzensabsicht zu mir, und ich werde dich empfangen.
Siehe, von denen in alter Zeit ist geschrieben worden: Du sollst nicht Ehebruch begehen;
ich aber sage euch: Wer auch immer eine Frau ansieht, dass es ihn nach ihr gelüstet, der hat in seinem Herzen schon Ehebruch begangen.
Siehe, ich gebe euch das Gebot, nichts davon in euer Herz eindringen zu lassen;
denn es ist besser, dass ihr euch dies versagt, wodurch ihr euer Kreuz auf euch nehmt, als dass ihr in die Hölle geworfen werdet.
Und siehe, es steht geschrieben: Auge um Auge und Zahn um Zahn;
aber ich sage euch, dass ihr euch Bösem nicht widersetzen sollt; sondern wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, so halte ihm die andere auch hin;
und wenn dich einer vor Gericht verklagen und dir den Rock nehmen will, so lass ihm auch deinen Mantel;
und wenn dich jemand nötigt, eine Meile zu gehen, so gehe mit ihm zwei.
Gib dem, der dich bittet, und von dem, der von dir borgen will, wende dich nicht ab.
Und siehe, es steht auch geschrieben: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen;
aber siehe, ich sage euch: Liebt eure Feinde, segnet die, die euch fluchen, tut Gutes denen, die euch hassen, und betet für die, die euch böswillig schlecht behandeln und euch verfolgen,
Darum möchte ich, dass ihr vollkommen seiet, so wie ich oder euer Vater, der im Himmel ist, vollkommen ist.Wahrlich, wahrlich, ich sage, ich möchte, dass ihr den Armen Almosen gebt; aber achtet darauf, dass ihr eure Almosen nicht vor den Leuten gebt, um von ihnen gesehen zu werden; sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater, der im Himmel ist.
Darum, wenn ihr eure Almosen gebt, so posaunt nicht vor euch her, wie Heuchler das in den Synagogen und auf den Straßen tun, um sich von den Leuten preisen zu lassen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn.
Wenn aber du Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte Hand tut, damit deine Almosen verborgen bleiben; und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird selbst es dir offen lohnen.
Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben;
wenn ihr aber den Menschen ihre Verfehlungen nicht vergebt, wird euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.
Sammelt euch nicht Schätze auf Erden, wo Motten und Rost sie zerfressen und Diebe einbrechen und stehlen;
sondern sammelt euch Schätze im Himmel, wo weder Motten noch Rost sie zerfressen und wo Diebe nicht einbrechen noch stehlen.
Denn wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein.
Das Licht des Leibes ist das Auge; wenn also dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib voll Licht sein.
Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib voll Finsternis sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß ist dann die Finsternis!
Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder aber er wird zu dem einen halten und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.
Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
Sondern trachtet ihr zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Rechtschaffenheit, und dies alles wird euch hinzugefügt werden.
Darum sorgt nicht für den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seinem eigenen Übel.
Und nun begab es sich: Als Jesus diese Worte gesprochen hatte, wandte er sich wieder an die Menge und öffnete den Mund wieder zu ihr, nämlich: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.
Denn mit welchem Richterspruch ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch wieder zugemessen werden.
Und wieso siehst du den Splitter, der im Auge deines Bruders ist, gewahrst aber nicht den Balken, der in deinem eigenen Auge ist?
Oder wie kannst du zu deinem Bruder sprechen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge ziehen – und siehe, ein Balken ist in deinem eigenen Auge?
Du Heuchler, entferne zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge, und dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu entfernen.
Bittet, und es wird euch gegeben werden; suchet, und ihr werdet finden; klopfet an, und es wird euch aufgetan werden.
Denn ein jeder, der bittet, empfängt; und wer da sucht, der findet; und dem, der anklopft, wird aufgetan werden.
Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut ihnen auch, denn darin bestehen das Gesetz und die Propheten.
Darum: Wer diese meine Worte hört und sie tut, den will ich mit einem weisen Mann
vergleichen, der sein Haus auf einem Felsen baute –
und der Regen fiel, und die Fluten kamen, und die Winde wehten und stießen an jenes Haus; und es fiel nicht, denn es war auf einem Felsen gegründet.
Und jeder, der diese meine Worte hört und sie nicht tut, wird einem törichten Mann gleichen, der sein Haus auf dem Sand baute –
und der Regen fiel, und die Fluten kamen, und die Winde wehten und stießen an jenes Haus; und es fiel, und groß war sein Fall.“
Während sich der Zeitgeist, besonders in den westlichen Gesellschaften, weitgehend vom Inhalt der Bergpredigt verabschiedet hat und versucht, auf andere Weise eine glücklichere Gesellschaft zu schaffen, lesen wir im Buch Mormon, was entstanden ist, nachdem ein ganzes Volk seinen Lebensstil an dem ausgerichtet hat, was ihnen Jesus Christus live gelehrt hat. Der Schreiber hat im 4. Nephi mehr als 160 Jahre außerordentlich erfolgreicher Geschichte in nur wenigen Versen zusammengefasst:
Vers 2: Das Wirken und die Botschaften von Jesus Christus führten innerhalb kurzer Zeit zu Einigkeit im Glauben und im Umgang der Menschen miteinander.
Vers 4: Stabiler Frieden im Land. Frieden als Ergebnis von Geisteshaltungen.
Vers 5: Glaube und gesellschaftliche Verhältnisse ermöglichten es, dass viel Leid geheilt werden konnte. Dafür gibt es heute einen riesigen Bedarf.
Vers 7: Die Produktivität und Zusammenarbeit verbesserten sich exponentiell. Daraus folgte wirtschaftlicher Erfolg.
Vers 10: „Und nun, siehe, es begab sich: Das Volk Nephi wurde stark und mehrte sich überaus schnell und wurde ein überaus anmutiges und angenehmes Volk.
Vers 11: Sie bildeten Familien und empfingen reiche Segnungen – als Ergebnis ihres Lebenswandels.
Vers 12: Sie kümmerten sich aktiv um ihre Beziehung zu Gott und ihre geistige Wohlfahrt.
Verse 15-17: „Und es begab sich: Wegen der Gottesliebe, die dem Volk im Herzen wohnte, gab es im Land keinen Streit.
Und es gab weder Neid noch Streit noch Aufruhr noch Hurerei noch Lüge noch Mord noch irgendeine Art von Ausschweifungen; und gewiss konnte es kein glücklicheres Volk unter allem Volk geben, was von der Hand Gottes erschaffen worden war.
Es gab weder Räuber noch Mörder noch gab es Lamaniten noch sonst irgendwelche -iten; sondern alle waren eins, die Kinder Christi und Erben des Reiches Gottes.
Vers 18: „Und wie gesegnet waren sie! Denn der Herr segnete sie in allem, was sie taten; ja, sie wurden gesegnet, und es erging ihnen wohl …
Das waren sehr erstrebenswerte Zustände. Wie viel wären wir bereit dafür zu geben? Der Preis wird oben genannt, aber auch die Resultate. Nochmal, es handelt sich um Haltungen, um einen Lebensstil, der nicht notwendigerweise eine religiöse Bindung, wohl aber starke Überzeugungen voraussetzt. Selbst bei nur teilweiser Umsetzung in der Breite würden wir spürbare Verbesserungen unserer gesellschaftlichen Probleme erzielen – sowohl im Kleinen als auch im Großen. Wie viel Leid auf allen gesellschaftlichen Ebenen könnte gelindert und geheilt werden.
Man könnte einwenden, dass man in einer Ellenbogengesellschaft viel zu oft das Nachsehen hätte, wenn man sich sanftmütig, gütig, selbstlos, rücksichtsvoll, respektvoll, friedlich und anständig verhält, eingegangene familiäre, soziale und gesellschaftliche Verpflichtungen einhält und der gesamten Schöpfung Gottes uneingeschränkte Achtung entgegenbringt. Es gibt jedoch viel mehr Gründe, die gegen eine solche Haltung sprechen als dafür.
Zurück zur Tragik der eingangs zitierten Schriftstelle. Nach über 160 Jahren war eine Generation herangewachsen, die begann, den Lebenstil der vorangegangenen Generationen für sich abzuwählen und andere moralische Werte offensiv und sehr erfolgreich zu verbreiten. Weshalb war das nun so tragisch? Diese Leute haben vielleicht gute Gründe gehabt und wollten sich von den Traditionen ihrer Eltern und Großeltern lösen, sich selbst verwirklichen, ohne Rücksicht auf eine Gemeinschaft oder einen bestimmten Glauben nehmen zu müssen. Nun, die Geschichte zeichnet ein anderes Bild, aus dem wir lernen sollten.
  • Der gesellschaftliche Zusammenhalt begann zu erodieren und sich nach und nach aufzulösen, anfangs nicht aus theologischen sondern materiellen Gründen. Die Verhaltensänderungen gingen den Veränderungen in Glaubensbekenntnissen voraus. Das ist auch heute häufig so.
  • Diese Generation hatte Jesus Christus nicht selbst erlebt und wuchs in einer Zeit auf, in der Wohlstand und Wohlergehen zur Selbstverständlichkeit geworden war, ohne dass sie sich viele Gedanken darüber machen mussten.
  • Sie hatten offensichtlich auch ein Stück weit den Bezug zu ihrer jüngeren Geschichte verloren. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass die Interpretation von Geschichte mit wachsendem zeitlichen Abstand schwieriger wird, vor allem wenn die Lehren daraus unbequem und nicht kompatibel mit dem Zeitgeist sind.
  • Bis zur Spaltung oder besser Zersplitterung der Gesellschaft dauerte es kaum 10 Jahre.
  • Egoismus und moralische Beliebigkeit traten ihren Siegeszug an, Religion wurde eine äußerliche Angelegenheit ohne wirklichen Glauben, ohne heilende Kraft, ohne Achtung und Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Diejenigen, die sich diesen Entwicklungen entgegenstemmten, wurden nach und nach zum Schweigen gebracht.
  • Nachdem sich der größte Teil des Volkes innerhalb einiger Jahrzehnte schließlich fast komplett von den Lehren Jesu Christi abgewandt und sich von moralischen Werten und Geboten „befreit“ hatte, müsste man annehmen, dass daraus eine neue, erhoffte Phase der Prosperität eintrat, in der die Leute Zufriedenheit und Glück verspürten, denn sie hatten ja das durchgesetzt, was sie wollten. Diese Hoffnung erfüllte sich aber nicht, konnte es auch nicht, denn das Gesetz von Ursache und Wirkung lässt sich nicht außer Kraft setzen. Das organisierte Verbrechen wurde mächtig, wie nie zuvor. Die Menschen stumpften ab und es entwickelte sich Schritt für Schritt eine Spirale von Hass und Gewalt, die bis zum Ende des Berichts unvorstellbare Ausmaße und Formen von Grausamkeit annahm, die nur dann möglich sind, wenn sich vorher ein weit gehender moralischer und kultureller Verfall durchgesetzt hat. Dadurch wurde schließlich innerhalb von weniger als 200 Jahren eine gesamte Kultur ausgelöscht.

Das ist der Grund, weshalb die Anfänge des Verfalls so tragisch waren. Alle Ereignisse, die darauf folgten und vor allem die Ursachen, die dazu führten, wurden lange vorher von Propheten angekündigt. Sie waren nicht unvermeidlich. Sie hätten verhindert werden können, wenn es bei genügend Menschen den Willen dazu gegeben hätte. Sie traten aber unweigerlich ein, als große Menschengruppen sich für Lebensweisen entschieden, deren Auswirkungen mit der Zeit immer schwerer und schlussendlich überhaupt nicht mehr beherrschbar waren.

Mormon, der wichtigste Zeitzeuge der Vernichtung und Mann nach dem das Buch Mormon benannt wurde, klagte voller Trauer (siehe Buch Mormon, Mormon 6:16-20):

„Und wegen der Getöteten meines Volkes wurde meine Seele von Pein zerrissen, und ich schrie:
O ihr Anmutigen, wie konntet ihr von den Wegen des Herrn abweichen! O ihr Anmutigen, wie konntet ihr diesen Jesus verwerfen, der mit offenen Armen dastand, euch zu empfangen!
Siehe, wenn ihr dies nicht getan hättet, wäret ihr nicht gefallen. Aber siehe, ihr seid gefallen, und ich betrauere euren Verlust.
O ihr anmutigen Söhne und Töchter, ihr Väter und Mütter, ihr Ehemänner und Ehefrauen, ihr Anmutigen, wie kommt es, dass ihr fallen konntet!
Aber siehe, ihr seid dahin, und mein Grämen kann euch nicht zurückbringen.“

Aus dieser Geschichte können wir viel lernen – vor allem, dass es nichts Nachhaltigeres gibt, als das Evangelium Jesu Christi. Zur Zeit hören wir oft die Frage, welche Lehren wir aus dem Jahr 2020 ziehen werden. Wird wieder mehr Demut in die Gesellschaft einziehen? Wird man sich auch auf unbequeme Lehren aus der Geschichte besinnen und die heranwachsenden Generationen sorgfältiger und ganzheitlicher bilden?
Werden die oben aufgeführten elementar wichtigen Prinzipien für ein vernünftiges Zusammenleben wieder mehr an Bedeutung gewinnen – im persönlichen Denken und Fühlen, in den Medien, in den Familien, im Geschäftsleben, in der Politik und in den Religionen? Werden Menschen mit extremen Haltungen zur Besinnung kommen? Werden Glaube und Rechtschaffenheit zunehmen? Wird es in der Breite eine größere Einsicht geben, dass unsere Entscheidungen und Handlungen viel größere Auswirkungen auf uns, auf andere Menschen, auf die Natur und die Gesellschaft haben, als wir oft glauben? Das gilt nicht nur für die nähere und fernere Zukunft, sondern auch und vor allem für unser Leben nach unserem irdischen Dasein.Manchmal mögen wir vielleicht das Gefühl haben, dass es zu schwer ist, sein Leben an Jesus Christus zu orientieren oder dass es sich nicht lohnt, da andere, denen das alles komplett egal ist, vielleicht erfolgreicher, gesünder, wohlhabender oder populärer sind. Nun, dazu hat Jesus Christus selbst eine Schriftstelle aus dem Buch Maleachi im Alten Testament zitiert (siehe Maleachi 3:14-18), als er unter den Nephiten weilte. Ich finde, das ist ein gutes Schlusswort unter diesen Beitrag.

„Ihr habt gesprochen: Es ist unnütz, Gott zu dienen, und was ist es für Gewinn, dass wir seine Verordnungen eingehalten haben und dass wir in Trauer gewandelt sind vor dem Herrn der Heerscharen?
Und nun nennen wir die Stolzen glücklich; ja, mit denen, die Übles tun, steht es wohl; ja, die Gott versuchen, sind sogar befreit.
Aber die den Herrn fürchteten, redeten oft miteinander, und der Herr hörte zu und vernahm; und vor ihm wurde ein Buch der Erinnerung geschrieben für die, die den Herrn fürchteten und die an seinen Namen dachten.
Und sie werden mein sein, spricht der Herr der Heerscharen, an dem Tag, da ich meine Juwelen herrichten werde; und ich werde sie verschonen, wie ein Mann seinen eigenen Sohn verschont, der ihm dient.
Dann werdet ihr zurückkehren und den Unterschied sehen zwischen dem Rechtschaffenen und dem Schlechten, zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient.“
(Buch Mormon, 3. Nephi 24:14-18)

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Ölbaum

In Zeiten der Coronavirus Pandemie, in der auch unser Kirchenleben eingeschränkt ist, lernen wir auch die positiven Seiten und Möglichkeiten der sozialen Medien besser kennen. Ich finde es toll, dass wir dadurch Zugang zu vielen aufbauenden Botschaften, Bildern und Videos erhalten. Allerdings sollten wir dabei nicht diejenigen vergessen, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht online sein können oder möchten, und die in diesen Tagen leicht vergessen werden. Es gibt immer noch Telefone, Stifte und Papier.

Ich bin in unserer Gemeinde als Lehrer für die Jugendlichen tätig und habe mir gedacht, für sie ein Video über ein Kapitel im Buch Mormon zu drehen, dass oft stiefmütterlich behandelt wird, da es sehr lang ist, eine gewisse Komplexität hat und idealerweise eine ganze Menge Vorwissen für ein gutes Verständnis braucht.

Es handelt sich um das Gleichnis vom Ölbaum in Jakob Kapitel 5. Ich hoffe, meine Gedanken, die als Anregungen zu verstehen sind, helfen dabei, diesen sehr wichtigen Teil der Heiligen Schriften besser zu verstehen. Herzlichen Dank an meine Ehefrau Esther, die mich tatkräftig unterstützt hat. 🙂

Wer möchte, kann den Beitrag gern teilen. Euch allen einen schönen Sonntag und eine gute und erträgliche neue Woche.

Hier ist der Link zum Youtube Video:

 

Hier die Präsentation zum Download:

BM Jakob 5 – Das Gleichnis vom Ölbaum

 

Gedanken zu Weihnachten

In der Adventszeit waren wir aufgefordert der Welt ein Licht zu sein, siehe https://www.mormon.org/christmas/deu.
Manche haben gefragt: Wie kann man der Welt ein Licht sein? Ist das nicht etwas vermessen? Ist es nicht, wenn man die Bedeutung des Anliegens versteht. Wir haben es versucht und die Erfahrung gemacht, dass sich im Alltag viele, viele Gelegenheiten ergeben, mehr Licht und Freude in das Leben anderer Menschen zu bringen. Wir haben dabei ein größeres Maß an Zufriedenheit und Glück verspürt.

Kann man es sich heute, in einer wettbewerbsorientierten Welt, überhaupt noch leisten, anderen selbstlos beizustehen, die Ellenbogen einzufahren und zu dienen? Ja, man kann und man sollte.
Ich-Bezogenheit oder drastischer ausgedrückt, Egoismus, gehören zu den Hauptkrankheiten unserer Epoche, die zu vielen weiteren Auswüchsen und Krankheiten in der Gesellschaft und damit zu Streit, Leid, Vereinsamung und Gleichgültigkeit führen. Exzessive Ich-Bezogenheit und die überwiegende Fokusierung auf eigene Bedürfnisse bewirken Konsensunfähigkeit und machen den Einzelnen und die Gesellschaft nicht glücklicher. Viele Menschen wollen oft nur noch Beiträge zu ihren eigenen Bedingungen leisten.  Diese Haltung ist ein gesellschaftlicher Trend geworden und hält leider auch Einzug in unsere Gemeinden. Es ist aber dem, was wir glauben und was wir in der Kirche erreichen wollen, diametral entgegengesetzt.

Elder Uchtdorf vom Rat der Zwölf Apostel hat zur letzten Generalkonferenz folgendes gesagt:

„Kommen Sie, helfen Sie uns, eine Kultur aufzubauen und zu stärken, in der alle Kinder Gottes Heilung, Güte und Barmherzigkeit erfahren. Denn wir alle sind bestrebt, „eine neue Schöpfung“ zu werden, in der „das Alte“ vergangen und „Neues“ geworden ist.  Der Erretter zeigt uns, in welche Richtung wir uns bewegen sollen: vorwärts und aufwärts. Er sagt: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ Arbeiten wir doch alle gemeinsam daran, die Art Mensch zu werden, die wir nach Gottes Absicht werden sollen!

Das ist die Art Evangeliumskultur, die wir in der gesamten Kirche Jesu Christi pflegen möchten. Wir wollen die Kirche als einen Ort stärken, wo wir einander vergeben. Wo wir der Versuchung widerstehen, Fehler zu finden, zu tratschen und andere herabzusetzen. Wo wir aufrichten, anstatt Schwachstellen aufzuzeigen, und einander helfen, das Beste zu werden, was aus uns werden kann.

Ich lade Sie nochmals ein: Kommen Sie und sehen Sie. Schließen Sie sich uns an. Wir brauchen Sie.“

Esther und ich haben vor kurzem auf unserer Reise durch das Buch Mormon die Stellen im Buch Mormon gelesen, die in diesem kleinen Video beschrieben werden.

Diese Begebenheit und die nachfolgende Geschichte (siehe Helaman Kapitel 13 bis 3. Nephi Kapitel 9) berichten von einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft, die ihre Probleme nicht mehr dauerhaft und nachhaltig lösen wollte und am Ende auch nicht mehr konnte. Aus der Lektüre können wir sehr viel lernen.

Zu Weihnachten wünsche ich uns allen, dass wir Jesus Christus als Geschenk annehmen und eine besonders große Portion der Bergpredigt (siehe Neues Testament, Matthäus Kapitel 5-7 oder im Buch Mormon, 3. Nephi Kapitel 12 bis 14) auf unserem Gabentisch zulassen.

Sind diese Werte heute noch haltbar? Selbstverständlich. Sie sind elementar wichtig und sollten ständig wiederholt werden. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie von vielen als unpopulär oder zu anstrengend empfunden werden. Nachhaltigkeit ist immer anstrengender als der Weg des geringsten Widerstandes. Im Gegensatz zum Minderwertigen, das sich mit großem Erfolg laut plärrend im 24/7 Modus anbiedert, setzt sich Nachhaltigkeit in allen Bereichen des Lebens nicht von selbst durch. Man muss sie suchen, sich kümmern, seinen Geist und die Sinne arbeiten lassen und sich verändern. Das ist das große Anliegen der Lehren von Jesus Christus.

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Unsere kleine Lichterwelt zu Hause 🙂

Esther und ich hatten dieses Jahr den Auftrag, die Weihnachtsfeier in unserer Gemeinde zu gestalten. Wir waren uns einig, dass wir den Besuchern etwas geben wollen, dass viele in der Weihnachtszeit paradoxerweise vermissen – Ruhe, Besinnlichkeit, Gemütlichkeit, Freude an einfachen, unspektakulären Dingen, Gemeinsamkeit und Zusammenhalt, Geschichtenerzählen, Weihnachtsliedersingen und Dankbarkeit für die Geburt des Sohnes Gottes, Jesus Christus.
Esther hat es wunderbar vorbereitet und mich mächtig mit eingespannt. Es hat Freude gemacht.
Nach 15 Jahren, habe ich die Wasserfarben wieder herausgeholt und in der Kürze der Zeit einige Abende damit verbracht, ein paar großformatige Dekorationen zu klecksen. Esther wollte, dass es heimelig wirkt und so habe ich mir ein paar Vorlagen gesucht, die rein künstlerisch nicht meine Sache wären, aber den Zweck voll erfüllt haben. Das Malen empfand ich als sehr entspannend. Es wäre zeitlich nicht möglich gewesen, als ich noch Pfahlpräsident war. 🙂

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Der Bischof unserer Gemeinde hatte mich vor ein paar Wochen gebeten, für den gemeinsamen Weihnachtsgottesdienst am 23.12. einen gemeinsamen Chor der Gemeinden Hohenstein-Ernstthal und Chemnitz zu bilden – etwas, das ich noch nie in meinem ganzen Leben gemacht habe. Ich hatte damit gerechnet, dass wir 10-12 Sängerinnen und Sänger mobilisieren könnten, da in der Vorweihnachtszeit jeder sehr beschäftigt ist. Zu meiner großen Freude waren wir mehr als 25 und, was ich besonders gut fand – im Prinzip alle haben den Wunsch geäußert, wieder regelmäßig zu singen. Das Weihnachtslied klang sehr schön und mir taten die Arme weh. 🙂
Geistliche Musik ist eine großartige Medizin zur Heilung der Seele.

Am vierten Adventssamstag haben wir unseren traditionellen Trip ins Weihnachtsdorf Seiffen gemacht. Das Wetter war wirklich nicht schön – die meiste Zeit kalter Regen. Dennoch hatten wir eine sehr schöne Zeit, die uns auf die Weihnachtstage eingestimmt hat.

Ich wünsche allen Lesern ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest.

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Besuch in Seiffen

Interessant (noch mehr, wenn man das Buch Mormon kennt)

Seit einigen Tagen geht diese Meldung durch die News:

https://www.welt.de/wissenschaft/article173185908/Mysterioese-Stadt-Tikal-Warum-der-Fund-einer-Maya-Staette-eine-Sensation-ist.html

Faszinierende Technologie. Man darf gespannt sein, was damit in Zukunft noch gefunden wird. Ich lese dabei im Buch Mormon und mache mir so meine Gedanken. Ist schon spannend das mitzuerleben.

Also, ich denke, es lohnt sich (nicht nur aus diesem Grund) das Buch aufzuschlagen und sich hinein zu vertiefen – zu den letzten Entdeckungen besonders ins letzte Drittel.
(https://www.lds.org/scriptures/bofm?lang=deu)

Weder die Nephiten, noch die Lamaniten oder Jarediten haben uns Landkarten hinterlassen. Dafür aber jede Menge äußerst relevanter Dinge.

Siehe auch hier:

Etwas zum Buch Mormon

Zwei Bücher – two books

Heute möchte ich zwei besonderer Menschen gedenken und ihnen postum danken. Sie haben mein Leben durch ein Geschenk mehr beeinflusst, als sie vielleicht jemals gedacht haben. Ich habe zu Hause zwei Bücher, die mir besonders wertvoll sind. Es sind englischsprachige Ausgaben der Dreifachkombination bestehend aus Buch Mormon, Lehre und Bündnisse und Köstliche Perle aus dem Jahr 1958 sowie der Bibel.

Today, I´m thinking of and would like to express gratitude to two special people who have passed away years ago but have influenced my life more than they probably ever thought. I have two books at home that are very precious to me. It’s an English issue of the triple combination consisting of the Book of Mormon, Doctrine and Covenants and the Pearl of Great Price from 1958 and the Holy Bible.

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Ich verehre das Ehepaar, das sie mir geschenkt hat, sehr. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann es war. Ich war ein Teenager, Anfang der 1980er Jahre. Georg Goeckeritz und seine Ehefrau Hildegard besuchten uns auf einer ihrer Reisen von Salt Lake City zurück in ihre sächsische Heimat. Die Bücher waren Georg´s eigene Heilige Schriften.

I honor this couple who gave them to me very much. I don’t remember exactly when it was. I was a teenager beginning of the 1980ies. Georg Goeckeritz and his wife Hildegard were visiting us on one of their trips from Salt Lake City to their former home in Saxony, Germany. The books were Georg´s own Holy Scriptures.

Die beiden waren liebe Freunde meiner Eltern und unserer gesamten Familie. Eigentlich waren sie viel mehr als Freunde. Sie haben einen besonderen Platz in unserer Familie. Wenn meine 92-jährige Mutter heute von ihnen spricht, glänzen ihre Augen.

They were beloved friends of my parents and the whole family. In fact, they were much more than just friends. They’ll always have a special place in our family. My 92 year old mother’s eyes get wet for joy every time she speaks of them.

Ich habe es sehr gemocht, wenn sie kamen und ich kann mich an viele Begegnungen noch gut erinnern. Es mag kurz nach dem Tod meines Vaters im Jahr 1983 gewesen sein, als Georg mir die Bücher in die Hand drückte. Er hatte bemerkt, dass ich großes Interesse an Fremdsprachen hatte (zu der Zeit bemühte ich mich, die spärlichen Kenntnisse aus dem Englischunterricht in der DDR weiter zu entwickeln) und sagte in etwa folgendes zu mir: „Wenn du die Heiligen Schriften in der Fremdsprache studierst, die du lernen möchtest, wirst du schneller ans Ziel kommen und ein besseres Verständnis der Sprache erhalten.“

I liked it a lot when they came. I can still remember it very well. It might have been shortly after my fathers death in 1983 when Georg put the books into my hands. He had realized my interest in foreign languages (at the time, I tried to improve my poor knowledge of English by myself as East German schools didn’t focus much on it) and said something like this to me: „You will master and understand the language you strive to learn better and faster if you study the Holy Scriptures in this language.“

Ich habe diesen Rat befolgt, die Bücher intensiv genutzt und die Sprache erfolgreich gelernt. Es hat sich als ein großer Segen in meinem Leben erwiesen. Ich habe außerdem ein viel tieferes Verständnis von den Heiligen Schriften erworben – besonders vom Buch Mormon. Das war ein noch viel größerer Segen.

I followed this advice, used the books intensively and successfully learned the language. It’s been a great blessing in my life. Furthermore, I acquired a much deeper understanding of the Holy Scriptures in particular the Book of Mormon. This has been an even greater blessing.

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Wenn ich heute mit unseren jungen Leuten in unserem Pfahl spreche, die sich vorbereiten auf Mission zu gehen, gebe ich ihnen denselben Rat.

When I speak with our young people in our stake who are preparing to go on a mission I give them the same advice. 

Georg Goeckeritz war ein großer Mann. Ich bin sehr froh ihn und viele seine Lieben zu kennen.

Georg Goeckeritz was a great man. I’m very happy that I know him and many of his loved ones.

Etwas zum Buch Mormon

Von Zeit zu Zeit stöbere ich auf speeches.byu.edu in den BYU Devotionals, um mir interessante Vorträge als MP3 herunterzuladen und bei langen Autofahrten oder im Flieger anzuhören.
Vor einigen Wochen habe ich einen Vortrag von Tad Callister gefunden, den er am 1. November 2016 an der BYU gegeben hat. Es geht darin um die Kontroverse, ob das Buch Mormon eine Erfindung von Joseph Smith oder von Gott gegeben ist. Der Vortrag ist brillant und eigentlich müsste man ihn ins Deutsche übersetzen, damit er allen zugänglich wird, die nicht so fit in Englisch sind.

Jeder kann über die Kirche, Joseph Smith oder auch das Buch Mormon denken was sie oder er will. Man kann an verschiedenen Dingen Anstoß nehmen und zu kontroversen Antworten kommen, je nachdem für welche Perspektive man sich entscheidet. Man kann versuchen, eigene Diskrepanzen zur Lehre oder Anwendung der Lehre, mit Verweis auf die Fehler von Kirchenführern, zu rechtfertigen. Man kann entscheiden, welchen Quellen man mehr vertraut oder in welchen historischen Kontext man sich zur Beurteilung begeben möchte (manchen Menschen, die sich damit ganz offensichtlich schwer tun, wünsche ich sehr, dass in 100 Jahren ihr eigenes Leben im heutigen Kontext betrachtet wird und nicht mit dem, den wir in 100 Jahren haben werden, was deutlich mehr Mühe macht). Man kann frühen Kirchenführern (insbesondere und sehr beliebt bei Joseph Smith) das Recht, Fehler zu machen, absprechen (was für mich unvernünftig ist, wenn man die Umstände, die Aufgabe, die Gesetzmäßigkeit, dass Erfahrung auf Erfahrung aufbaut und die zu lösenden Probleme betrachtet).
Aber eines kann man meiner Meinung nach nicht. Man kann sich nicht einfach so am Buch Mormon, seiner Entstehungsgeschichte, der Lehre und seiner Bedeutung für die Existenz der Kirche und die Menschheit als Ganzes vorbeimogeln.

Tad Callister erklärt sehr einleuchtend, warum das nicht geht. Man kann die Auseinandersetzung mit dem Buch natürlich sehr leicht vermeiden, indem man es ignoriert. Es ändert aber nichts an seiner Entstehung und universellen Bedeutung.

Es ist klar, dass es nicht einfach ist, an den göttlichen Ursprung eines Buches zu glauben. Ich kenne viele, die gern glauben würden, aber sie schaffen es nicht – häufig wegen der damit einhergehenden Konsequenzen. Dafür muss man Verständnis aufbringen.

Im Vortrag wird beschrieben, dass man sich auf wenig stichhaltige, abenteuerliche und teilweise haarsträubende Hypothesen einlassen muss, wenn man nach Alternativen zur Aussage sucht, dass Joseph Smith das Buch Mormon durch die Macht Gottes übersetzt hat und die Entstehung dieses Buches auch gar nicht anders möglich war.

https://www.youtube.com/watch?v=InVmvWA12qU

https://speeches.byu.edu/talks/tad-r-callister_book-mormon-man-made-god-given/

Die entscheidenden Fragen haben sehr wenig mit Archäologie oder Geographie zu tun. Es geht um die Botschaft des Buches Mormon, die klaren und nachhaltigen Lehren, die darin enthalten sind und die viele Irrtümer korrigieren.

Elder Callister nennt dafür einige prägnante Beispiele:

2. Nephi Kapitel 2 – klärt eindeutig, dass der Fall von Adam und Eva kein Schritt zurück, sondern ein wichtiger Schritt vorwärts im Plan der Erlösung war;

Alma 13 – wo wir über die Präexistenz lernen, ohne die alles andere total unvollständig wäre;

Alma 40 – erklärt, was es mit der postmortalen Geisterwelt auf sich hat;

Alma 32 – aus meiner Sicht die beste Erläuterung in den Schriften, wie man Glauben entwickeln kann;

Mosiah 2-5 – eine der beeindruckendsten Predigten über das Sühnopfer von Jesus Christus;

Der Zweck und die korrekte Durchführung der Taufe wird in mehreren Schriftstellen erklärt. Genauso alle Bestandteile des Sühnopfers und ihre Bedeutung.

3. Nephi 11 – der auferstandene Christus erscheint den Bewohnern des Landes, wodurch wir ein weiteres Zeugnis von Ihm erhalten.

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Ich habe mir mal die Zeit genommen und für mich eine Zusammenfassung von wichtigen Kapiteln des Buches erstellt. Die Liste ist nicht vollständig, aber sie hat ein enormes Gewicht. Jedesmal, wenn ich das alles lese, beeindrucken mich die Klarheit und die Weitsicht des Buches, die Dimension der Perspektiven, die es eröffnet. Ich schätze die Herausforderungen für Herz und Verstand und die Möglichkeit, eine Bestätigung für die Wahrheit des Buches zu erhalten (siehe Link zu Moroni 10 unten).
Selbst wenn jemand sich nicht in der Lage sieht, eine solche Bestätigung zu erhalten oder glaubt, keine zu benötigen, gibt es trotzdem so viel aus dem Buch zu lernen und reichlich Stoff zum nachdenken.
Ich erhalte diese Bestätigung ständig wieder – ganz besonders dann, wenn ich das Gelesene auf mich und heute beziehe.

1. Nephi 8: Die Vision vom Baum des Lebens.
1. Nephi 11: Nephi’s Bestätigung der Vision vom Baum des Lebens und Erläuterungen speziell zur Rolle des Messias.
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1. Nephi 14: Das Wirken der Bewegungen, die Gott und verbindliche moralische Werte ablehnen.
1 . Nephi 19: Über das Sühnopfer Christi sowie die Zerstreuung und Sammlung Israels.
1 . Nephi 22: Die Zeit vor dem zweiten Kommen von Jesus Christus.
2. Nephi 2: Die Bedeutung der Entscheidungsfreiheit.
2. Nephi 4: Der Psalm Nephis, Vertrauen in Gott.
2. Nephi 9: Das Sühnopfer Christi und seine Konsequenzen.
2. Nephi 27: Das Hervorkommen des Buches Mormon.
2. Nephi 28: Die Auswirkungen von Relativismus.
2. Nephi 29: Wie die Bibel und das Buch Mormon zusammen wirken.
2. Nephi 31: Klarstellungen zur Taufe.
Jakob 5: Das Gleichnis vom Ölbaum, Zerstreuung und Sammlung Israels.
Mosia 2-5: Die Rede König Benjamins, eine der besten und umfassendsten Erläuterungen des Sühnopfers Christi.
Mosia 15-16: Über die Auferstehung.
Mosia 18: Worauf es in der Kirche ankommt.
Mosia 29: Die Verantwortung von Regierenden und vor allem derer, die sie wählen.
Alma 1: Das Übel von Priestermacht, wodurch Wahrheit verdreht wird, um materiellen Gewinn zu erlangen.
Alma 5:  Erklärung was wahre Umkehr ist.
Alma 12: Die Bedeutung des Lebens als Bewährungszeit und Vorbereitung, vor Gott Rechenschaft abzulegen.
Alma 30: Wirken und Ende eines Antichrist.
Alma 32: Eine der besten Erklärungen wie man Glauben entwickeln kann.
Alma 34: Das Sühnopfer und der Plan der Erlösung.
Alma 39-42: Moralische Werte und eine der umfassendsten Erläuterungen des gesamten Planes der Erlösung: Glaube, Umkehr, Bündnisse, Tod, Auferstehung, Zustand nach dem Tod.
Helaman 2: Der Fluch des organisierten Verbrechens und seiner Unterstützer.
Helaman 6: Wie es geschehen kann, dass organisiertes Verbrechen eine Gesellschaft dominiert.
Helaman 10: Vollmacht von Gott.
3. Nephi 1-6: Enthält viele Schlüssel, um die heutige Zeit zu verstehen; Verheißungen Gottes erfüllen sich unabhängig vom Willen der Menschen; Werteverfall und weitverbreitete Akzeptanz krimineller Strukturen spalten die Gesellschaft; das organisierte Verbrechen kann nur durch Zusammenhalt und außerordentliche Anstrengungen besiegt werden; durch den Kreislauf des Stolzes verfällt die Gesellschaft schnell wieder in alte Fehler.
3. Nephi 11-26: Das Erscheinen des auferstandenen Jesus Christus und Sein nachhaltiges Wirken unter den Nephiten; die Bergpredigt wiederholt; grundlegende Verordnungen wie Taufe und Abendmahl umfassend erklärt.
4. Nephi 1: Wie eine gerechte Gesellschaft gebildet werden kann; 200 Jahre Frieden und Gedeihen; die Ursachen für den Zerfall und die tragischen Auswirkungen.
Mormon 1-6: Der vollständige Verfall moralischer Werte und die Entwicklung zu einer Kultur des ungebändigten Hasses, die in Vernichtungskriegen endet.
Mormon 9: Parallelen zu unserer Zeit; warum Glaube an Jesus Christus und das Erwerben von Kenntnissen von den Absichten Gottes wichtig sind.
Ether 3-4: Glauben entwickelt sich zu Wissen durch Anwendung; fortlaufende Offenbarung ist eine Funktion der Anwendung von bereits gegebener Offenbarung.
Ether 8: Warnung vor geheimen Verbindungen und die Bedrohung der Freiheit von Völkern.
Ether 12: Über Glauben und Wunder; ein Schlüssel wie Schwächen in Stärken verwandelt werden können.
Moroni 7: Das Gebet und die Unterscheidung von Gut und Böse; das Licht Christi steht jedem Menschen zur Verfügung; der Zusammenhang von Glaube, Hoffnung und Nächstenliebe.
Moroni 8: Warum kleine Kinder keine Taufe benötigen.
Moroni 10; Jeder kann durch die Macht des Heiligen Geistes ein Zeugnis vom Buch Mormon erhalten; Aufforderung zu Christus zu kommen.

Präsident Thomas S. Monson hat zur letzten Generalkonferenz ein kurze Ansprache gegeben und dort unter anderem gesagt:
Heute Morgen spreche ich über die Macht des Buches Mormon und darüber, wie dringend nötig wir als Mitglieder dieser Kirche es haben, uns mit seinen Lehren zu befassen, über sie nachzudenken und sie in unserem Leben anzuwenden. Wie wichtig es ist, ein festes und sicheres Zeugnis vom Buch Mormon zu haben, kann nicht genug betont werden.
(siehe https://www.lds.org/general-conference/2017/04/the-power-of-the-book-of-mormon?lang=deu)

Einem lieben Freund: Gott sei mit dir, bis wir uns wieder sehen

Letzten Samstag haben wir Abschied genommen von einem besonderen Mann, einem Freund und Vorbild – Sanitätsrat Dr. Heinz-Jürgen Sickel aus Wulfen in Anhalt, ein Mitglied der Gemeinde Köthen der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage und Patriarch des Pfahles Leipzig.

Er war am Ostersonntag, den 16. April 2017, völlig unerwartet im Alter von 76 Jahren verstorben. Ein großer Mann, einer zu dem wir immer aufschauen werden – in allen Bereichen des Lebens – in seiner Familie, als Arzt, Sportsmann und in seinen vielen kirchlichen Berufungen, die er im Laufe seines Lebens erfüllt hat.

Wir trauern um ihn und fühlen uns mit der gesamten Familie eng verbunden.

Jürgen´s Familie hatte mich gebeten, auf seiner Trauerfeier zu sprechen. Ich bin der Bitte sehr gern nachgekommen. Es war eine schwere Aufgabe, da mich sein Tod sehr stark berührt hat. Es war aber auch eine schöne Aufgabe, über und für einen Mann zu sprechen, für den ich Achtung, Bewunderung und Liebe verspüre. Es war mir eine große Ehre, dass zu tun.

Einige Tage vor seinem Tod hatte ich ein interessantes Erlebnis. Meine beruflichen Reisepläne sahen vor, dass ich in der Woche nach Ostern an einer Messe in China teilnehme, dann das Wochenende in China bleibe und anschließend nach Japan weiterreise, um an Kundenmeetings teilzunehmen. Der Plan sah vor, dass ich vom 17.4. bis 27.4. nicht in Deutschland sein würde.

Am Mittwoch vor Ostern hatte ich das Gefühl, dass ich meine Flüge umbuchen sollte. Ich rief das Reisebüro an und buchte einen Rückflug von Shanghai nach Hause für den 20.4./21.4. und einen neuen Flug von Deutschland nach Japan für den 23.4. bis 27.4.

Es machte zu diesem Zeitpunkt gar keinen Sinn, bedeutete lediglich zusätzlichen Aufwand und Stress. Ich sagte meinen chinesischen Freunden ab, die mich für das Wochenende nach Wuyishan, einer tollen Sehenswürdigkeit in der Provinz Fujian, eingeladen hatten. Sie waren etwas enttäuscht aber sehr verständnisvoll.

Am Ostersonntag, nachmittags, erreichte mich die traurige Nachricht und die Information, dass die Beerdigung am 22.4. stattfinden wird. Ich wusste jetzt, warum ich alles geändert hatte.

Der Trauergottesdienst am Samstag war eines der bewegendsten Ereignisse, die ich miterlebt habe. Ich war stark beeindruckt, von den Botschaften seiner Kinder und unseres gemeinsamen Freundes Manfred Schütze, ebenso von der schönen Musik und den inspirierten Gebeten. Wir haben alle die Macht des Evangeliums Jesu Christi gespürt und den Einfluss des Heiligen Geistes.
Ich hatte die ganze Woche nachgedacht, was ich der Familie und den Hunderten von Trauergästen sagen könnte. Der Schlüssel kam, als ich ein Lied anhörte, dass in der Schwesternversammlung der Generalkonferenz im Oktober 2015 von einem Chor aller Altersgruppen gesungen wurde. Ich fand die Texte der in diesem Medley verwendeten Lieder so treffend und das Arrangement hat mich sehr berührt. Von da an wusste ich, was sagen werde.

Ich habe mir einige Schwerpunkte ausgesucht:

Was habe ich von Jürgen gelernt? Was nehme ich mit? Was wird sich durch sein Vermächtnis in meinem Leben ändern? Er ist den Dingen auf den Grund gegangen, hat mit Entschlossenheit  und Kompetenz Konsequenzen gezogen und eingefordert. Das hat er mit einer bestimmten, natürlichen und liebevollen Autorität getan. Als ich mich auf seinen Rat hin vor zwei Jahren in die Herzklinik nach Leipzig begeben habe, musste ich eine Entscheidung treffen, einem Eingriff an meinem Herzen zuzustimmen oder nicht. Als ich Jürgen anrief, um mir einen finalen Rat zu holen, war es für mich ausreichend, seine Stimme am Telefon zu hören. Er musste nichts erklären. Ich ließ den Eingriff vornehmen und verspürte während der Zeit in der Klinik einen großen Frieden.

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Jürgen wird weiterhin für seine Familie und alle, deren Leben er berührt hat, ein Segen sein – wie ein alter, mächtiger Baum, der stirbt, aber trotzdem seine Nachkommen und seine Umgebung mit seinen Nährstoffen versorgt. Er macht den Boden fruchtbar, in dem jüngere Bäume und Samen heranwachsen. Mir gefällt dieser Vergleich sehr. Er gibt uns Trost, besonders seiner Familie.

Jürgen hat viele Jahre als Patriarch gedient, eine wichtige Berufung, die vom Rat der Zwölf Apostel erteilt wird. Für diese Berufung benötigt man eine große Nähe zu Gott und starken Glauben. Jeder, der von einem Patriarchen seinen persönlichen Segen erhält, wird für ein tieferes Verständnis von diesem großartigen Plan der Erlösung befähigt. Unser Prozess des Verstehens hat im Vorherdasein begonnen und wird in diesem Leben nicht enden. Er geht über dieses Leben hinaus. Wenn wir von einem Menschen Abschied nehmen, können wir große Schritte vorwärts in diesem Prozess machen.

Jürgen ist am Ostersonntag gestorben. Natürlich erinnern wir uns an die besonderen Ereignisse im Zusammenhang mit der buchstäblichen Auferstehung Jesu Christi am dritten Tag nach Seiner Kreuzigung. Ich musste an den Bericht von Maria im Neuen Testament, in Johannes, Kapitel 20 denken. Im Tempel in Freiberg hängt ein Gemälde, das Jesus und Maria in diesem Moment, wo sie Ihn erkennt und begreift, dass die Auferstehung wirklich ist, zeigt.
Ich möchte ab Vers 16 zitieren:
„Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm: Rabbuni (das heißt Meister)!
Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. Gehe aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.
Maria Magdalena kommt und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und solches hat er zu mir gesagt.
Am Abend desselben ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten ein und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!
Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.“ (Johannes 20:16-20, Hervorhebungen vom Verfasser)

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Hier werden große Fragen der Menschheit beantwortet. Jürgen hatte nicht die Spur eines Zweifels an diesen Wahrheiten. Es gibt mir Frieden und macht mich froh.

Nach einem solchen Erlebnis kann man nicht einfach so wieder zur Tagesordnung übergeben. Da bleiben wichtige Dinge haften, über die man Nachdenken muss und nicht einfach beiseite wischen kann. Die Botschaft der Auferstehung ist viel zu wichtig. Es ist traurig, wie wenig Raum sie in der öffentlichen Wahrnehmung und den Medien einnimmt – und wenn, dann oft mit völlig unklaren Deutungen. Dabei gibt es gar keinen Grund zur Unklarheit. Da jeder Mensch diesen Weg gehen muss, wäre es doch viel vernünftiger, sich angemessen damit zu beschäftigen, den Dingen auf den Grund zu gehen und zu verstehen. Moroni, der letzte Schreiber des Buches Mormon, schließt das Buch mit folgendem Vers:

„Und nun sage ich allen Lebewohl. Ich gehe bald hin, im Paradies Gottes zu ruhen, bis sich mein Geist und Leib wieder vereinigen werden und ich im Triumph durch die Luft hingeführt werde, um euch vor dem angenehmen Gericht des großen Jehova zu treffen, des ewigen Richters der Lebenden und der Toten. Amen.“ (Buch Mormon, Moroni 10:34)

Jürgen hatte nicht die Gelegenheit, Lebewohl zu sagen. Aber er war in diesem Prozess des Verstehens sehr, sehr weit vorangekommen und vorbereitet, auf die andere Seite des Schleiers zu gehen, wo er mit Sicherheit auf die für ihn typische Art weiter wirkt. Wir werden ihn immer in unseren Herzen behalten und freuen uns auf das Wiedersehen.

 

Pfahlkonferenzen

Die Multi-Pfahlkonferenz für das gesamte Gebiet Westeuropa war heute ein schönes Erlebnis. Ich habe viel gelernt. Wir haben im Pfahl Leipzig die Übertragung in 5 Gemeindehäusern gezeigt – Leipzig, Köthen, Erfurt, Werdau und Zwickau. Ich habe mich sehr über das große Interesse gefreut.

Inzwischen haben wir auch die Zusammenfassung unserer Frühjahrs-Pfahlkonferenz am 23. und 24. April 2016 in Leipzig und Böhlen fertiggestellt. Herzlichen Dank auch dieses Jahr wieder an Bruder Wolfgang Geiler aus der Gemeinde Köthen für die Mühe, seine Arbeit allen zugänglich zu machen.
Download: Pfahl Leipzig Frühjahrspfahlkonferenz 2016

Pfahlorchester Leipzig
Pfahlorchester Leipzig

Die heutige Übertragung der Multi-Pfahlkonferenz aus dem Conference Center in Salt Lake City (Broadcast in 72 Pfähle in ganz Westeuropa und Übersetzung in 18 Sprachen) wird generell nicht zum Download bereitgestellt. Es ist also gut, wenn wir unsere Aufzeichnungen verwenden, um die vielen wichtigen Gedanken in die Gemeinden zu tragen und anzuwenden.
Die erste halbe Stunde der Konferenz wurde durch die Pfahlpräsidentschaft gestaltet. Ich wurde heute von vielen gebeten, meine Ansprache zu teilen. Das möchte ich hier gern zusammenfassend tun.

„… Die meisten von Ihnen sind sicher mit Situationen vertraut, in denen man sehr stark gefordert wird und an die Grenzen der eigenen körperlichen oder auch geistigen Kräfte gelangt. Jeder empfindet solche Belastungen zwar anders und wird sie auf andere Weise verarbeiten, aber wir sind uns sicher einig, dass es enorm hilfreich ist, wenn es dann Menschen gibt, auf die man zählen kann und die einem den Rücken stärken.

Ich habe in den letzten Wochen sehr große berufliche Belastungen erlebt, die weit über das gewohnte Maß hinausgegangen sind, zeitgleich mit vielen Aufgaben und einigen wichtigen Entscheidungen in meiner Berufung. Etliches musste unerledigt bleiben oder muss warten. Wie dankbar bin ich für meine Ratgeber und andere Mitarbeiter, die Aufgaben übernehmen, ohne dass ich sie erst darum bitten muss. Es hilft nicht nur, dass wichtige Dinge erledigt werden, sondern es schafft ein Gefühl von Dankbarkeit, Solidarität, Zusammenhalt, Motivation und gegenseitiger Liebe.

Ebenso bin ich meiner lieben Ehefrau dankbar, die mir vorbehaltlos den Rücken stärkt und  ein viel besseres Gefühl für meine Bedürfnisse hat, als ich manchmal für ihre.

Gegenseitige Hilfe und gegenseitiges Verstehen entlasten uns auch oft von seelischen Belastungen, Schmerzen und reduzieren Stress. Vor einigen Tagen erhielten wir zu Hause eine Lieferung mit einem LKW. Das ist immer eine Herausforderung für die Fahrer, da die Zugangsstraße zu unserem Haus sehr eng ist. Der Fahrer begann also mit seinem Manöver, rückwärts in unsere Zufahrt zu steuern. Dabei musste er die Hauptstraße für einige Minuten blockieren, was ihm den lautstarken Zorn einer Busfahrerin einbrachte, die mit ihrem Bus stoppen musste. Der Fahrer geriet dabei so in Stress, dass er nicht darauf wartete, dass ihn jemand einweist, was dazu führte, dass er Zaun und Hecke unserer Nachbarn beschädigte. Wie wenig Geduld mit und Verständnis für die Situation des anderen erleben wir heute so oft. Und wie oft führt das zu vermeidbaren Fehlern und Konflikten. (Übrigens haben unsere Nachbarn mit großer Gelassenheit auf das Problem reagiert – es gibt also auch positive Beispiele.)

Vor drei Wochen habe ich wieder von vorn mit dem Lesen des Buches Mormon begonnen. Diesmal fühlte ich mich stärker als zuvor mit Nephi verbunden, der von dem Moment an, da Lehi die Offenbarung von Gott erhielt, Jerusalem zu verlassen, mit einer Vielzahl an Herausforderungen konfrontiert wurde. Es hat mir gut getan, darüber zu lesen, wie Nephi mit diesem zum Teil extremen Stress umgegangen ist. Sicher, wir könnten sagen, dass Nephi mit einem großen Glauben gesegnet war und es ihm deshalb leichter fiel, die Veränderungen zu akzeptieren, die über die Familie hereinbrachen. Das spielt zweifellos eine große Rolle. Wir lesen nichts davon, dass Nephi gegenüber dem Willen des Herrn seine eigene Agenda aufbaute. Wir lesen jedoch sehr viel davon, was Nephi tat, um den Willen des Herrn und das große Ganze zu verstehen.

Folgender Vers verdeutlicht Nephis Einstellung sehr gut:

1 Nephi 2:16: “ Und es begab sich: Ich, Nephi, war noch sehr jung, wenn auch groß von Gestalt, und ich hatte auch großes Verlangen, von den Geheimnissen Gottes zu wissen; darum rief ich den Herrn an; und siehe, er besuchte mich und erweichte mir das Herz, so daß ich alle die Worte glaubte, die mein Vater gesprochen hatte; darum lehnte ich mich nicht wie meine Brüder gegen ihn auf.“

Lehi gibt seinem Sohn in 1 Nephi 3:6 die Verheißung: „… und der Herr wird dich begünstigen, weil du nicht gemurrt hast.“

Ich glaube nicht, dass es unter den Tatbestand des Murrens fällt, wenn man sich mal beklagt, weil es einen hart trifft oder alles schwerer geht, als man es sich vorgestellt hat. Konstruktive Kritik, die nicht erniedrigt, sondern Verbesserungen im Sinn hat, ist kein Murren. Genauso wenig machen wir uns wahrscheinlich des Murrens schuldig, wenn wir etwas noch nicht verstehen und das vielleicht auch zum Ausdruck bringen, aber dennoch den Wunsch und die Demut haben, zu lernen und zu verstehen. Manches braucht eben seine Zeit und Anstrengung.

1 Nephi 11 beschreibt eindrucksvoll, wie Nephi mit mehr Licht und Erkenntnis ausgestattet wurde, weil es sein sehnlicher Wunsch war, eine Bestätigung seines Glaubens zu erhalten und zu lernen.

Vers 1: „Denn es begab sich: Nachdem ich gewünscht hatte, das zu wissen, was mein Vater geschaut hatte, und weil ich glaubte, daß der Herr imstande sei, es mir kundzutun, wurde ich, als ich dasaß und in meinem Herzen nachsann, im Geist des Herrn hinweggeführt, ja, auf einen überaus hohen Berg, den ich nie zuvor gesehen und auf den ich nie zuvor meinen Fuß gesetzt hatte.“

In den darauffolgenden Versen und Kapiteln wird beschrieben, dass Nephi nicht nur eine Begründung erhielt, weshalb sie ihre Heimat verlassen haben, sondern er erhielt ein umfassendes Verständnis für den gesamten Plan der Erlösung, das Sühnopfer von Jesus Christus und seine Auswirkungen auf alle Menschen und vieles mehr. Das war wichtig, damit Nephi alle Zusammenhänge verstehen und keine von diesen Zusammenhängen isolierten Entscheidungen treffen würde.

In dieser Einstellung Nephis liegt ein großer Teil des Geheimnisses, wie Nephi an alle Aufgaben herangegangen ist und sie erfüllen konnte, trotz massiven Widerstandes durch einen Teil der Familie. Ich bin davon absolut beeindruckt. Nephi ist für mich darin ein großartiges Beispiel. Manchmal blieb ihm wirklich nur der Herr als Rückhalt, aber darauf konnte er sich verlassen.

Zurück zum Murren in dem Sinne, wie es in den Schriften zu verstehen ist. Murren ist schlimm und eine Sünde, wenn weder Wunsch noch Demut vorhanden sind, den Willen des Herrn zu verstehen und Schritte zu unternehmen, die notwendig sind, um zu lernen und zu verstehen. Dieses Murren ist nur auf sich selbst bezogen und ein gewichtiger Teil der Agenda ist, die Absicht, prinzipiell dagegen zu sein und destruktiv zu handeln.

Aus dem Verhalten von Laman und Lemuel können wir viele Rückschlüsse ziehen, wo vor wir uns in unseren Familien und Gemeinden schützen sollten. In 1 Nephi 17 kommt das Fass zum Überlaufen, als Nephi den Auftrag erhält, ein Schiff zu bauen, etwas, dass für Laman und Lemuel völlig außerhalb der Vorstellungskraft und daher auch der Akzeptanz war.

Was hilft uns also in unseren Aufgaben nicht weiter?

a) Zynismus und/oder Sarkasmus:

Vers 17:  „Und als meine Brüder sahen, daß ich ein Schiff bauen wollte, fingen sie gegen mich zu murren an, nämlich: Unser Bruder ist ein Narr, denn er meint, er könne ein Schiff bauen; ja, und er meint auch, er könne diese großen Wasser überqueren.“

b) Verweigerung von Zusammenarbeit und Solidarität:

Vers 18:  „Und so beklagten sich meine Brüder über mich und begehrten, nicht arbeiten zu müssen; denn sie glaubten nicht, daß ich ein Schiff bauen könne; sie wollten auch nicht glauben, daß ich vom Herrn unterwiesen wurde.“

c) Schadenfreude, auf Fehler warten und die Vorliebe, sie aus der Sicht der Unbeteiligten zu kommentieren:

Vers 19:  „Und nun begab es sich: Ich, Nephi, war überaus bekümmert wegen ihrer Herzenshärte; und als sie nun sahen, daß ich anfing, bekümmert zu sein, waren sie im Herzen froh, so sehr, daß sie sich über mich freuten, nämlich: Wir haben gewußt, daß du kein Schiff bauen kannst; denn wir haben gewußt, daß es dir an Verständnis fehlt; darum kannst du ein so großes Werk nicht vollbringen.“

d) Selbstmitleid und Schuldzuweisungen:

Vers 20, 21:  „Und du bist wie unser Vater, verführt von den törichten Einbildungen seines Herzens; ja, er hat uns aus dem Land Jerusalem geführt, und wir sind all die vielen Jahre lang in der Wildnis gewandert; und unsere Frauen haben sich abgeplagt, während sie schwanger und schweren Leibes waren; und sie haben Kinder in der Wildnis geboren und alles erlitten außer den Tod; und es wäre besser für sie gewesen, vor dem Auszug aus Jerusalem zu sterben, als diese Bedrängnisse zu erleiden.
Siehe, diese vielen Jahre haben wir in der Wildnis gelitten, und wir hätten uns unterdessen unserer Besitztümer und des Landes unseres Erbteils erfreuen können; ja, und wir hätten glücklich sein können.“

e) Verkehrung von Tatsachen und sich eine eigene „Wahrheit“ schaffen:

Vers 22:  „Und wir wissen, daß das Volk im Land Jerusalem ein rechtschaffenes Volk gewesen ist; denn sie haben die Satzungen und Richtersprüche des Herrn und alle seine Gebote befolgt, gemäß dem Gesetz des Mose; darum wissen wir, daß sie ein rechtschaffenes Volk sind; und unser Vater hat sie verurteilt und hat uns weggeführt, weil wir auf seine Worte gehört haben; ja, und unser Bruder ist wie er. Und mit solchen Worten murrten und klagten meine Brüder gegen uns.“

Alle diese destruktiven Verhaltensweisen machen unserer Gesellschaft enorm zu schaffen und spalten sie, genauso wie es im Buch Mormon geschehen ist und für die letzte Zeit, in der wir leben, vorhergesagt wird und immer deutlicher zu beobachten ist.

Jeder einzelne kann dazu beitragen, dass diese Dinge in Familien und Gemeinden keinen Einzug halten und nicht überhand nehmen.

So stark Nephi auch war, der fehlende Rückhalt eines großen Teiles seiner Familie, hat ihm schwer zu schaffen gemacht, wie wir im Psalm Nephis in 2 Nephi 4 nachlesen können.

2 Nephi 4:17-19:

„Und doch, trotz der großen Güte des Herrn, da er mir seine großen und wunderbaren Werke gezeigt hat, ruft mein Herz aus: O was bin ich doch für ein unglückseliger Mensch! Ja, mein Herz grämt sich meines Fleisches wegen; meine Seele ist bekümmert meiner Übeltaten wegen.
Ich bin ringsum umschlossen, wegen der Versuchungen und der Sünden, die mich so leichtbedrängen.
Und wenn ich mich freuen möchte, stöhnt mein Herz meiner Sünden wegen; …“

Wie viel leichter hätte alles gehen können, wenn die Familie einig gewesen wäre, alle das große Ganze verstanden und deshalb kooperiert hätten oder es zumindest versucht hätten.

Nephi´s Verzweiflung führt aber nicht dazu, dass Hoffnungslosigkeit am Ende seiner inneren Kämpfe steht. Stattdessen sind es Zuversicht, Hoffnung und ein starkes Vertrauen in Gott.

2 Nephi 4:19-28:

„… doch ich weiß, in wen ich mein Vertrauen gesetzt habe.
Mein Gott ist mein Beistand gewesen; er hat mich durch meine Bedrängnisse in der Wildnis geführt; und er hat mich auf den Wassern der großen Tiefe bewahrt.
Er hat mich mit seiner Liebe erfüllt, selbst bis es mir mein Fleisch verzehrt.
Er hat meine Feinde zuschanden gemacht und bewirkt, daß sie vor mir beben.
Siehe, er hat mein Rufen gehört am Tage, und er hat mir Erkenntnis gegeben durch Visionen in den Stunden der Nacht.
Und bei Tage habe ich mich vor ihm zu machtvollem Gebet erkühnt; ja, meine Stimme habe ich emporsteigen lassen in die Höhe, und Engel sind herabgekommen und haben mir gedient.
Und auf den Schwingen seines Geistes ist mein Leib auf überaus hohe Berge hinweggeführt worden. Und meine Augen haben Großes geschaut, ja, allzu groß für den Menschen; darum ist mir geboten worden, es nicht niederzuschreiben.
Nun denn, wenn ich so Großes gesehen habe, wenn der Herr in seiner Herablassung gegenüber den Menschenkindern mit so viel Barmherzigkeit Menschen besucht hat, warum soll mein Herz weinen und meine Seele im Tal der Trauer verweilen und mein Fleisch dahinschwinden und meine Kraft ermatten, meiner Bedrängnisse wegen?
Und warum soll ich mich, meines Fleisches wegen, der Sünde hingeben? Ja, warum soll ich Versuchungen nachgeben, so daß der Böse in meinem Herzen Raum finde, um meinen Frieden zu zerstören und meine Seele zu bedrängen? Warum bin ich zornig meines Feindes wegen?
Erwache, meine Seele! Welke nicht länger in Sünde dahin. Freue dich, o mein Herz, und gib dem Feind meiner Seele nicht länger Raum.“

Ich möchte Zeugnis davon geben, dass wir aus den ersten Kapiteln im Buch Mormon lernen können, wie wir mit Misserfolg, Härten im Leben, Widerständen und Konflikten umgehen und welche Verhaltensweisen wir meiden sollten.

Ich weiß, dass wir in unseren Gemeinden und Familien von diesen Erkenntnissen profitieren werden. Ich weiß, dass sich aus dem Vorbild Nephis Leidenschaft und Hingabe zum Werk des Herrn als logische Folge entwickeln und dass daraus eine Dynamik entstehen kann, die uns vorwärts trägt, weil sie viele gute Früchte hervorbringt.

Ich weiß auch, dass jeder von uns dadurch mehr Rückhalt und Hilfe in Problemen erfahren kann, weil es mehr Verständnis und Solidarität auf dem Fundament von Glauben und wahrer Erkenntnis gibt.

Ich bitte den Vater im Himmel, dass er uns hilft, dass wir unsere Herzen von diesen Lehren berühren und beeinflussen lassen. Möge der Herr Sie alle reich segnen.

Im Namen Jesu Christi, Amen.“

Kołobrzeg und Gedanken beim Wandern am Strand

Meine Frau und ich verbringen diese Wochen einen Kururlaub in Kołobrzeg an der polnischen Ostseeküste. Kur klingt für mich besorgniserregend. Es war für mich immer etwas für ältere Herrschaften, aber plötzlich sind wir in einem Alter, wo sich körperliche Baustellen auftun und man den Aufenthalt hier über alle Maßen genießt. 🙂
Allerdings sind wir bei weitem nicht die jüngsten Gäste.

Kołobrzeg hieß früher Kolberg und wurde 1945 im Wahnsinn des Zweiten Weltkrieges fast vollständig zerstört. Im Zentrum stehen daher nur noch wenige historische Gebäude. Aber der Strand und die angrenzenden Parks sind wirklich sehr schön. Ich liebe die Ostsee zu allen Jahreszeiten. Sie hat einen besonderen Reiz.

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Ich habe also diese Woche nur wenige Emails geschrieben und nur ab und zu mit Kunden kommuniziert. Stattdessen gibt es jeden Tag Joggen am Strand oder ausgedehnte Wanderungen.

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Esther hatte heute einen vollen Kur-Terminplan, also bin ich nachmittags alleine los und habe die Umgebung erkundet. Dabei gab es viel Zeit zum Nachdenken.

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Obwohl ich mich selten zu Politik äußere, musste ich an verschiedene Ereignisse denken, die uns im Moment beschäftigen – die Vorwahlen in den USA (irgendwie tun mir die Wähler dort leid), die Flüchtlingswelle oder die Zerreißprobe, in der sich die Europäische Union befindet, Radikalisierungen in vielen Ländern der Welt, das Erstarken von politischen Bewegungen, deren Programme in großen Teilen völlig unakzeptabel sind und die Tatsache, dass schrecklich viele Länder der Welt im Prinzip von unfähigen, korrupten oder machtgierigen Menschen regiert werden, die sich keinen Deut um das Wohlergehen der Bürger ihrer Länder scheren und die nach zivilisierten Wertmaßstäben eigentlich sofort entlassen, oder (anders würde es gar nicht gehen) entmachtet werden müssten.
Ich habe beruflich mit Menschen aus vielen Nationen in allen Teilen der Welt zu tun. Es ist großartig, mit ihnen zusammen zu arbeiten, aber es gibt fast niemanden, der mit Optimismus auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse des eigenen Landes oder der Welt blickt. Das ist besorgniserregend. Man könnte viele Dinge aufzählen, die gründlich schief laufen. Irgendwie sieht es symbolisch ein bisschen so aus, wie auf den Bildern, die ich heute aufgenommen habe. Hier nur ein paar wenige Beispiele:

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  • Politikverdrossenheit – aus meiner Sicht eine große Gefahr für jede Demokratie, weil ernsthafte Bemühungen, den Ursachen zu begegnen, unter denen, die diese Verdrossenheit verursachen, nicht deutlich erkennbar sind. Glaubwürdigkeit zählt offensichtlich weniger als Einfluss und Macht. Desinteresse und Selbstbezogenheit sind trotzdem nicht zu rechtfertigen.
  • Populismus – macht mir große Sorgen, a) weil die Menschen aus der Geschichte nichts lernen, b) weil es das Mittel äußerst mittelmäßiger Menschen ist, die nach Macht streben und c) weil es die Gehirne vieler Menschen einfach abschaltet.
  • Viele fähige und integere Menschen entscheiden sich gegen eine politische Karriere – die Eigenschaften, die für Machtgewinn und Machterhalt erforderlich sind, sind leider zu großen Teilen mit den Eigenschaften, die für ein gutes Regieren gebraucht werden, nicht kompatibel. Man muss sich nur ansehen, wie absurd Wahlkampagnen selbst in hochentwickelten Staaten geworden sind.
  • Tendenzen zum Separatismus – es scheint als ob die Fähigkeiten zum Konsens, aber auch die Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen, weltweit abnehmen, auch innerhalb der hochentwickelten Demokratien. Das trifft nicht nur auf die politische Klasse zu, sondern ist ein generelles Thema.
  • Radikalisierung – egal, ob nun aus politischen oder religiösen Gründen. Sie führt zu Menschenverachtung und Hass, ist vollkommen unakzeptabel, in welcher Form auch immer.
  • Globale Probleme, die sich exponentiell entwickeln, können nicht grundhaft gelöst werden und führen zu noch nicht absehbaren Konflikten – wenn nicht Gier, Machtstreben, Ignoranz, Hass und vielen weiteren, (für das Zusammenleben von Menschen in einer globalisierten Welt) schädlichen Eigenschaften, Einhalt geboten wird. Wer soll dafür sorgen? Diese Dinge können nicht mehr nur lokal gelöst werden.
  • Zukunftsangst – sie treibt viele Menschen in die Arme von Meinungsmachern, die ungenügende Lösungen zu bieten haben.
  • Falsch verstandene political correctness – ein mittlerweile entsetzliches Phänomen, welches verhindert, dass Probleme beim richtigen Namen genannt werden, auch wenn sie äußerst unangenehm sind und dadurch werden sie auch nicht nachhaltig adressiert. Einige Gründe für falsche political correctness sind allerdings oben beschrieben.
  • Die Prinzipien der Rechtschaffenheit vor Gott spielen nur noch eine untergeordnete Rolle.

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Vor ca. 2100 Jahren hat ein Mann mit Regierungsverantwortung, der Mosia hieß, eine denkwürdige Rede zum Thema Politik und die damit verbundene Verantwortung in allen Teilen der Gesellschaft gehalten. Ich finde es äußerst spannend, sich diese Rede ganz genau anzuschauen und einige der Kernpunkte in die heutige Zeit zu übertragen.

Buch Mormon, Mosia, Kapitel 29:

Ausgangssituation: Mosia war König der Nephiten oder in heutigen Terms Regierungschef. Er war alt und nun ging es um seine Nachfolge. Dazu wurde das Volk befragt.

Als nun Mosia dies getan hatte, sandte er hinaus in das ganze Land, zu allem Volk, denn er wollte wissen, wen sie zum König haben wollten.
Und es begab sich: Die Stimme des Volkes kam, nämlich: Wir wünschen, daß dein Sohn Aaron unser König und unser Herrscher sei.
Nun war Aaron in das Land Nephi hinaufgegangen, darum konnte der König ihm das Königtum nicht übertragen; auch wollte Aaron das Königtum nicht auf sich nehmen, und auch kein anderer von den Söhnen Mosias war willens, das Königtum auf sich zu nehmen.

Mosia war ein weiser Mann mit einer beachtlichen Weitsicht.

Darum sandte König Mosia abermals zum Volk; ja, nämlich ein geschriebenes Wort sandte er zum Volk. Und dies waren die Worte, die geschrieben waren, nämlich:
Siehe, o ihr, mein Volk, oder meine Brüder, denn dafür halte ich euch, ich wünsche, ihr würdet euch die Sache überlegen, die zu überlegen ihr aufgerufen seid—denn ihr habt den Wunsch, einen König zu haben.
Nun verkünde ich euch, daß der, dem das Königtum zu Recht gehört, abgelehnt hat und das Königtum nicht auf sich nehmen will.
Und nun, wenn an seiner Statt ein anderer bestimmt würde, siehe, so fürchte ich, es würden Streitigkeiten unter euch entstehen. Und wer weiß, vielleicht würde mein Sohn, dem das Königtum gehört, sich dem Zorn zuwenden und einen Teil dieses Volkes mit sich fortziehen, und das würde zu Kriegen und Streitigkeiten unter euch führen, was die Ursache für großes Blutvergießen wäre und den Weg des Herrn verkehren, ja, und die Seele vieler Menschen vernichten würde. …
10  Und nun laßt uns weise sein und vorausschauend und das tun, was dem Frieden dieses Volkes dienlich ist.

Mosia schlägt nun vor, einige Dinge grundlegend zu ändern, um das Volk vor ungerechter Herrschaft zu schützen. Er definierte Kriterien, die Personen für ein Regierungsamt qualifizieren oder disqualifizieren.

11  Darum will ich für meine übrigen Tage euer König sein; doch laßt uns Richter bestimmen, die dieses Volk gemäß unserem Gesetz richten sollen; und wir wollen die Angelegenheiten dieses Volkes neu ordnen, denn wir werden weise Männer als Richter bestimmen, die dieses Volk gemäß den Geboten Gottes richten werden.
12  Nun wäre es besser, der Mensch würde von Gott gerichtet als von Menschen, denn die Richtersprüche Gottes sind immer gerecht, aber die Richtersprüche der Menschen sind nicht immer gerecht.
13  Darum, wenn es möglich wäre, daß ihr gerechte Männer zu Königen hättet, die die Gesetze Gottes einsetzen und dieses Volk gemäß seinen Geboten richten würden, ja, wenn ihr Männer zu Königen haben könntet, die ebenso handeln würden, wie es mein Vater Benjamin für dieses Volk getan hat—ich sage euch, wenn dies immer der Fall sein könnte, dann wäre es ratsam, daß ihr immer Könige hättet, die über euch herrschen.
14  Und auch ich selbst habe mich mit aller Macht und allen Fähigkeiten, die ich besitze, bemüht, euch die Gebote Gottes zu lehren und im ganzen Land Frieden aufzurichten, damit es keine Kriege noch Streitigkeiten, kein Stehlen noch Plündern, kein Morden noch sonst eine Art von Übeltun gebe;

In den folgenden Versen warnt Mosia deutlich vor den Folgen ungerechter Herrschaft. Wie aktuell dies doch alles ist.

16  Nun sage ich euch, weil aber nicht alle Menschen gerecht sind, ist es nicht ratsam, daß ihr einen König oder Könige haben sollt, die über euch herrschen.
17  Denn siehe, wieviel Übeltun wird doch durch einen schlechten König verursacht, ja, und welch große Zerstörung! …
21  Und siehe, nun sage ich euch: Ihr könnt einen Übeltäter von König nicht entthronen, außer durch viel Streit und großes Blutvergießen.
22  Denn siehe, er hat im Übeltun seine Freunde, und er hält seine Wachen um sich; und er zerreißt die Gesetze derer, die vor ihm in Rechtschaffenheit regiert haben; und er tritt die Gebote Gottes mit Füßen;
23  und er führt Gesetze ein und macht sie unter seinem Volke kund, ja, Gesetze nach der Art seiner eigenen Schlechtigkeit; und wer auch immer seine Gesetze nicht befolgt, den läßt er vernichten; und wer auch immer sich gegen ihn auflehnt, gegen den sendet er seine Heere zum Kampf, und wenn er es vermag, so vernichtet er sie; und so verkehrt ein ungerechter König die Wege aller Rechtschaffenheit.
24  Und nun siehe, ich sage euch: Es ist nicht ratsam, daß solche Greuel über euch kommen.

Nun verweist Mosia auf die Verantwortung derer, die eine Regierung wählen und warnt nachdrücklich in Vers 27 vor den Folgen, wenn die Mehrheit des Volkes sich falsch entscheidet – aus welchen Gründen auch immer – Populismus, Verdrossenheit, Wertewandel, Glaubensverlust, sich verschiebende Interessen etc.

25  Darum erwählt euch mit der Stimme dieses Volkes Richter, damit ihr gemäß den Gesetzen gerichtet werdet, die euch von unseren Vätern gegeben worden sind und die richtig sind und die sie aus der Hand des Herrn erhalten haben.
26  Nun ist es nicht üblich, daß die Stimme des Volkes etwas begehrt, was im Gegensatz zu dem steht, was recht ist; sondern es ist üblich, daß der geringere Teil des Volkes das begehrt, was nicht recht ist; darum sollt ihr dies beachten und es zu eurem Gesetz machen—eure Angelegenheiten durch die Stimme des Volkes zu erledigen.
27  Und wenn die Zeit kommt, da die Stimme des Volkes das Übeltun erwählt, dann ist es Zeit, daß die Strafgerichte Gottes über euch kommen; ja, dann ist es Zeit, daß er euch mit großer Zerschlagung heimsucht, ja, wie er dieses Land bisher heimgesucht hat.

Das folgende System ist uns vertraut, und es ist gut. Es funktioniert aber nur so lange, wie die Werte auf denen es basiert, respektiert und beachtet werden, d.h. dass Übeltun nicht durch die Mehrheit des Volkes legitimiert werden und dass die Definition von Recht und Unrecht nicht der Beliebigkeit unterliegen darf. Das ist ein großes Problem unserer Zeit. Mosia äußert sich auch zur Gewohnheit, Verantwortung für eigene Fehler auf andere abzuwälzen.

28  Und nun, wenn ihr Richter habt und sie euch nicht gemäß dem Gesetz richten, das gegeben worden ist, dann könnt ihr veranlassen, daß sie von einem höheren Richter gerichtet werden.
29  Wenn eure höheren Richter nicht mit rechtschaffenem Gericht richten, dann sollt ihr veranlassen, daß eine kleine Anzahl eurer niederen Richter sich versammelt, und sie sollen eure höheren Richter richten gemäß der Stimme des Volkes.
30  Und ich gebiete euch, dies in der Furcht des Herrn zu tun; und ich gebiete euch, dieses zu tun und keinen König zu haben; damit, wenn diese Menschen Sünden und Übeltaten begehen, sie diese auf ihrem eigenen Haupt zu verantworten haben.
31  Denn siehe, ich sage euch: Die Sünden vieler Menschen sind durch die Übeltaten ihrer Könige verursacht worden; darum sind ihre Übeltaten auf dem Haupt ihrer Könige zu verantworten. …

In diesem Vorläufer einer Demokratie mahnte Mosia die Beteiligung des Volkes an und unter welchen Prinzipien diese erfolgen sollte.

33  Und vieles mehr schrieb König Mosia ihnen und legte ihnen alle die Prüfungen und Mühen eines rechtschaffenen Königs dar, ja, alle die seelischen Beschwernisse um ihres Volkes willen und auch all das Gemurre des Volkes an ihren König; und er erklärte ihnen das alles.
34  Und er sagte ihnen, daß dies nicht so sein solle, sondern die Last solle auf das ganze Volk kommen, so daß jedermann sein Teil trage.
35  Und er legte ihnen alle die Nachteile dar, denen sie ausgesetzt wären, wenn ein ungerechter König über sie herrschte;
36  ja, alle seine Übeltaten und Greuel und alle die Kriege und Streitigkeiten und das Blutvergießen und das Stehlen und das Plündern und das Begehen von Hurerei und allerart Übeltaten, die man nicht aufzählen kann—er sagte ihnen, daß dies nicht so sein solle, daß dies den Geboten Gottes ausdrücklich zuwiderlaufe.

Die Reaktion des Volkes ist interessant und die Glaubwürdigkeit Mosias imponierend. Wir würden es eine Art Basisdemokratie nennen und eine Wertschätzung der damit verbundenen Freiheiten. Dieses Bewusstsein sehen wir leider schwinden.

37  Und nun begab es sich: Nachdem König Mosia dies unter seinem Volke kundgemacht hatte, waren sie von der Wahrheit seiner Worte überzeugt.
38  Darum ließen sie ihren Wunsch nach einem König fallen und setzten sich über die Maßen dafür ein, daß jedermann im ganzen Land die gleichen Möglichkeiten habe; ja, und jedermann brachte seine Bereitschaft zum Ausdruck, sich für seine Sünden selbst zu verantworten.
39  Darum begab es sich: Sie versammelten sich in Gruppen im ganzen Land, um mit ihrer Stimme zu entscheiden, wer ihre Richter sein sollten, die sie gemäß dem Gesetz, das ihnen gegeben worden war, richten sollten; und sie hatten überaus große Freude über die Freiheit, die ihnen gewährt worden war. …

Die Folge war eine Phase großer politischer und gesellschaftlicher Stabilität, selbst im Angesicht ständiger äußerer Bedrohungen durch die Lamaniten. Dieses Kapitel ist eine geistige und politische Pflichtlektüre.

Der verstorbene Kabarettist Dieter Hildebrandt hat in seiner denkwürdigen Abschiedsrede Herbert Wehner´s vom Deutschen Bundestag in den achtziger Jahren einige der Ursachen des Glaubwürdigkeitsverlustes in der deutschen Politik kabarettistisch unvergleichlich aufgearbeitet, auch wenn hier nur eine Seite der Medaille betrachtet wird.

https://youtu.be/dxN8nmHcVwY

Das Nachdenken lohnt sich ganz sicher.

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Eine etwas andere Bildergeschichte

In den letzten zwei Wochen hatte ich die Möglichkeit, mit jungen Erwachsenen in der Religionsinstitutsgruppe in Zwickau und  Jugendlichen in der Gemeinde Plauen über ein Thema zu diskutieren, das mich schon eine Weile beschäftigt. In Plauen sah das Tafelbild am Ende der Diskussion dann so aus. 😀

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Was für ein Durcheinander 😀 – scheinbar. Ich glaube, die Jugendlichen könnten es noch erklären.

Ich habe hier mal den Werdegang meiner Gedanken aufgeschrieben und gezeichnet. Die ursprüngliche Idee kam mir eigentlich kürzlich bei einem Workshop in der Firma – wenn auch in einem anderen Zusammenhang.

Irgendwo halten wir alle verschiedene Bälle in der Luft.Das sind unsere Aufgaben, Pflichten, Verantwortung, aber auch Vorlieben, Hobbies, Freizeit. Unser soziales Leben gehört genauso dazu wie unsere Gewohnheiten.

Wenn alles wohl geordnet und überschaubar ist, kann man auch alles wunderbar jonglieren.

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Aber so ist das Leben höchst selten oder nie. Wir haben viel mehr Bälle in der Luft.

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Und auch dieses Bild ist noch viel zu optimistisch, denn die Welt, in der wir leben, steht nicht still. Wir können unseren Bällen ständig neue hinzufügen. Es sind viele dabei, die uns dabei helfen können, mit der ganzen Last sinnvoll umzugehen. Allerdings gibt es auch viele destruktive Bälle, die wir manchmal mehr lieben, als die hilfreichen.

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Was uns nützt und was uns schadet, ist manchmal nicht so leicht ersichtlich. Wir sind ja auch alle verschieden. Leider entpuppen sich manche Dinge recht drastisch, wenn die Welt um uns aus den Fugen gerät, wenn es bebt, stürmt und hagelt.

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Das erinnert etwas an die finalen Worte der Bergpredigt in Matthäus 7 oder 3. Nephi 14 im Buch Mormon:
„Darum: Wer diese meine Worte hört und sie tut, den will ich mit einem weisen Mann vergleichen, der sein Haus auf einem Felsen baute—
und der Regen fiel, und die Fluten kamen, und die Winde wehten und stießen an jenes Haus; und es fiel nicht, denn es war auf einem Felsen gegründet.
Und jeder, der diese meine Worte hört und sie nicht tut, wird einem törichten Mann gleichen, der sein Haus auf dem Sand baute—
und der Regen fiel, und die Fluten kamen, und die Winde wehten und stießen an jenes Haus; und es fiel, und groß war sein Fall.“

Ein Fundament haben wir hier noch gar nicht gezeichnet. Davon wird später noch die Rede sein. Fakt ist, dass wir nicht alle Bälle in der Luft halten können, ohne Schaden zu nehmen. Allerdings können uns bei diesen Turbulenzen Bälle weg fliegen, die wir lieber behalten sollten. Andere werfen wir weg, weil sie uns lästig werden oder wir sie schlicht und einfach nicht mehr beherrschen.

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Wir mögen uns ab und zu fragen, ob die Schriftstelle in Matthäus 11:28-30 wirklich Sinn macht:
„Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen.
Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.
Denn das Joch, das ich auferlege drückt nicht, und die Last, die ich zu tragen gebe, ist leicht.“

Viele Bälle, die wir in der Luft halten oder die weg fliegen, sind gegensätzlich: Verantwortung vs. Unverbindlichkeit, Sünde vs. Rechtschaffenheit, Süchte vs. Disziplin, Liebe vs. Hass, guter Job vs. schlechter Job, Fleiß vs. Trägheit, Glaube vs. Unglaube, Hoffnung vs. Hoffnungslosigkeit, Gesundheit vs. Krankheit, Freude vs. Leid, Glücklichsein vs. oberflächliches Vergnügen, Ausgeglichenheit vs. Unrast, Eigenständigkeit vs. Abhängigkeit, Nachhaltigkeit vs. Gedankenlosigkeit, Reinheit vs. Ausschweifung … Jeder kennt seine Bälle und kann die Aufzählung fortsetzen.

Ein Grundproblem unserer Zeit ist die Überbetonung des Ich. Mir muss es gut gehen. Ich muss mich finden. Zuerst komme ich dann alles andere. Diese inzwischen dominante Einstellung hat signifikante Auswirkungen. Wir können uns nicht losgelöst von anderen betrachten, denn unsere Entscheidungen haben sehr wohl Auswirkungen auf andere. Nehmen wir als Beispiel die Familie.

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In einer Familie gibt es eine ganze Menge mehr Dinge zu jonglieren. Wenn man sich allerdings entscheidet, den Fokus auf die richtigen Bälle zu legen, kann eine Familie oder eine Gruppe von Menschen, zwischen denen wertvolle Gefühle herrschen, eine ganze Menge Aufgaben mehr schultern. Leider befindet sich diese Einstellung unter einer ständigen Bedrohung durch das, was um uns herum geschieht oder viele schädliche und unnütze Bälle, die uns zugeworfen werden. Wir glauben daran, dass hinter diesen Bedrohungen ein wirkliches Wesen mit konkreten Absichten steckt – Satan, der Widersacher oder in den Heiligen Schriften auch Luzifer oder der Teufel genannt. Er, dessen Ziel es ist, möglichst viele Menschen genauso elend zu machen, wie er selbst ist. (siehe Buch Mormon, 2. Nephi 9:9 und 2. Nephi 2:27)

Eine der gravierendsten Folgen, die wir wahrnehmen, ist die Abnahme von Liebe und Nächstenliebe in Familien und der Gesellschaft. Zerbrechende Beziehungen belasten immer mehr Menschen körperlich und seelisch. Es scheint, als ob wir eine Gesellschaft errichten, die mental weniger belastbar wird und vereinsamt. In Familien sind die Hauptleidtragenden die Kinder, wenn Keile zwischen den Eltern entstehen. Es gehört zu den großen Irrtümern unserer Zeit, diese Probleme – den Zerfall und die Instabilität von Familien zu verharmlosen.

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Die Familie dient hier als ein Beispiel. Der wichtige Punkt ist aber, welche wichtigen Bälle weggeworfen und für welche destruktiven Bälle mehr Kraft und Energie eingesetzt wurden. Es sind aber nicht nur die Bälle. Es kommen wertvolle Menschen zu Schaden, oft dauerhaft. Wir sehen auch noch kein Fundament, das gemäß der oben zitierten Schriftstelle Regen und Sturm standhalten kann, selbst wenn die Gewalten und Turbulenzen in Zukunft noch viel stärker werden.

Wie baut man nun ein Fundament, das etwas taugt? Noch mehr Bälle? Noch mehr du sollst, du sollst, du sollst? Das ist nicht die Lösung. Woraus sollte dieses Fundament bestehen? Dies ist eine sehr individuelle Frage aber ich glaube, es gibt einige grundlegende Prinzipien. In unser Fundament packen wir nur Dinge, die wir wollen und die uns in Fleisch und Blut übergegangen sind. Was wir nicht wollen, bleibt ein Ball in der Luft, der uns mehr oder weniger Mühe macht. Wir müssen uns möglicherweise oft entscheiden, ob wir ihn überhaupt behalten wollen und so wird er schnell zur Last. Destruktive Dinge, die uns anhaften, schwächen unser Fundament und verringern auch nicht die Turbulenzen. Es liegt auf der Hand, dass es besser wäre, sie loszuwerden. Leider sehe ich oft in meiner Berufung, dass die Auswahlkriterien unklar sind, dass Bequemlichkeit mehr zählt als Nachhaltigkeit.

Ein paar Beispiele: das tägliche persönliche Gebet und das Familiengebet, sowie das regelmäßige Nutzen der Heiligen Schriften – so lange, wie sie Bälle in der Luft sind, die häufig zur Disposition stehen, können wir nur sporadisch oder gar nicht die Segnungen erfahren, die folgen würden, wenn wir eine dauerhafte Gewohnheit daraus machen, weil wir es wollen (nicht sollen) und diese Komponenten als einen starken Block in unser Fundament packen.

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Wenn wir diesem Prinzip folgen, bauen wir Schritt für Schritt ein besseres Fundament, in dem wir lernen und verstehen, was uns und den Menschen um uns herum (ausdrücklich NICHT NUR UNS SELBST) mehr Stabilität und Schutz vor destruktiven Einflüssen verleiht.

In meiner kirchlichen Berufung, aber nicht nur dort, erlebe ich zu häufig, dass Menschen mit den unterschiedlichsten Problemen Dinge abwählen, die sie eigentlich in ihrem Fundament brauchen – in der Regel, weil sie unbequem und vielleicht auch unpopulär sind oder den Glauben attackieren. Tempel, Zehnter und Fastopfer, Gebote, Bibel, Buch Mormon, regelmäßige Teilnahme am Abendmahl, Umkehr, Nächstenliebe, Selbstlosigkeit, Familie, Joseph Smith, Jesus Christus etc. Wenn diese und andere Dinge, die ins Fundament gehören, immer Bälle in der Luft bleiben, werden sie schwerer und schwerer und dann lassen wir sie irgendwann fallen. Es ist mühsam, Hass zu besiegen, eine Sucht, ein zwanghaftes oder unakzeptables Verhalten, Egoismus, Unverbindlichkeit, etc. etc. Aber diese Dinge und andere haben im Fundament nichts zu suchen, weil sie den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft nicht standhalten. Sie sollten noch nicht mal Bälle in der Luft sein, für die wir Kraft, Energie und Konzentration aufwenden und damit verschwenden. Wir sollten sorgfältig aussortieren.

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Ein gutes Fundament ist die Basis, um uns selbst, unsere Familie, unsere Gemeinde oder Gemeinwesen vor Turbulenzen und Erschütterungen zu schützen bzw. die Auswirkungen derselben zu minimieren. Gleichzeitig habe ich ein Dach gezeichnet, dass nicht suggerieren soll, dass man Schutz nur durch Abkapselung erhält. Der Schutz besteht darin, sich vorzubereiten und Vorkehrungen zu treffen, einen Ort der Zuflucht zu schaffen, vor allem im geistigen Sinne.

Kürzlich las ich eine Kolumne von einem dieser jungen Journalisten, mit sicherlich noch begrenzter Lebenserfahrung, die die Meinungen in unserer Gesellschaft sehr stark prägen. Er meinte, was wir definitiv nicht brauchen, ist eine Rückbesinnung auf christliche Werte. Aha. Junger Mann, dachte ich, du weißt nicht wirklich, wovon du sprichst. Diese fragwürdige Aussage hat mich so beschäftigt, dass ich ihr möglicherweise einen weiteren Post widmen werde.

Uns fehlt nämlich in unserem Bild noch der wichtigste Teil, der wichtigste Bestandteil unseres Fundamentes – Jesus Christus. Man könnte unzählige Schriftstellen zitieren, warum das so ist. Ich habe nur zwei gewählt. Die erste hat Präsident Kearon erwähnt, als wir kürzlich in Offenbach mit der Gebietspräsidentschaft Europa zusammen waren. Sie steht im Buch Mormon in Omni 1:26:

„Und nun, meine geliebten Brüder [und Schwestern], möchte ich, daß ihr zu Christus kommt, der der Heilige Israels ist, und an seiner Errettung und an der Macht seiner Erlösung teilhabt. Ja, kommt zu ihm und opfert ihm eure ganze Seele als Opfer, und fahrt fort mit Fasten und Beten, und harrt aus bis ans Ende; und so wahr der Herr lebt, werdet ihr errettet werden.“

Durch das Sühnopfer Jesu Christi wird uns hinzugefügt, was wir selbst nicht tun können – wenn wir es für uns annehmen. Wichtige Voraussetzungen dafür sind Glaube, Hoffnung und Demut. Demut führt zum Verständnis des Sühnopfers und ebnet den Weg für die Herzensänderungen, die für den oben besprochenen Prozess erforderlich sind. Es lohnt sich auf jeden Fall, mehr darüber zu lernen und selbst zu erfahren, wie Lasten tatsächlich leichter werden können (wie in der Schriftstelle oben) – nicht weil sie notwendigerweise verschwinden, sondern weil sich die Art und Weise, wie wir damit umgehen, ändert. Ich denke, selbst viele Christen haben davon nur ein unvollständiges Verständnis.

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Diese Schriftstelle zum Abschluss ist selbsterklärend.

„Darum müßt ihr mit Beständigkeit in Christus vorwärtsstreben, erfüllt vom vollkommenen Glanz der Hoffnung und von Liebe zu Gott und zu allen Menschen. Wenn ihr darum vorwärtsstrebt und euch am Wort von Christus weidet und bis ans Ende ausharrt, siehe, so spricht der Vater: Ihr werdet ewiges Leben haben.
Und nun siehe, meine geliebten Brüder, dies ist der Weg; und es ist kein anderer Weg noch Name unter dem Himmel gegeben, wodurch der Mensch im Reich Gottes errettet werden kann. Und nun siehe, dies ist die Lehre von Christus und die einzige und wahre Lehre vom Vater und vom Sohn und vom Heiligen Geist, die ein Gott sind ohne Ende. Amen.“  
Buch Mormon, 2. Nephi 31:20, 21

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Christus Statue im Besucherzentrum auf dem Tempelplatz in Salt Lake City