Eine etwas andere Bildergeschichte

In den letzten zwei Wochen hatte ich die Möglichkeit, mit jungen Erwachsenen in der Religionsinstitutsgruppe in Zwickau und  Jugendlichen in der Gemeinde Plauen über ein Thema zu diskutieren, das mich schon eine Weile beschäftigt. In Plauen sah das Tafelbild am Ende der Diskussion dann so aus. 😀

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Was für ein Durcheinander 😀 – scheinbar. Ich glaube, die Jugendlichen könnten es noch erklären.

Ich habe hier mal den Werdegang meiner Gedanken aufgeschrieben und gezeichnet. Die ursprüngliche Idee kam mir eigentlich kürzlich bei einem Workshop in der Firma – wenn auch in einem anderen Zusammenhang.

Irgendwo halten wir alle verschiedene Bälle in der Luft.Das sind unsere Aufgaben, Pflichten, Verantwortung, aber auch Vorlieben, Hobbies, Freizeit. Unser soziales Leben gehört genauso dazu wie unsere Gewohnheiten.

Wenn alles wohl geordnet und überschaubar ist, kann man auch alles wunderbar jonglieren.

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Aber so ist das Leben höchst selten oder nie. Wir haben viel mehr Bälle in der Luft.

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Und auch dieses Bild ist noch viel zu optimistisch, denn die Welt, in der wir leben, steht nicht still. Wir können unseren Bällen ständig neue hinzufügen. Es sind viele dabei, die uns dabei helfen können, mit der ganzen Last sinnvoll umzugehen. Allerdings gibt es auch viele destruktive Bälle, die wir manchmal mehr lieben, als die hilfreichen.

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Was uns nützt und was uns schadet, ist manchmal nicht so leicht ersichtlich. Wir sind ja auch alle verschieden. Leider entpuppen sich manche Dinge recht drastisch, wenn die Welt um uns aus den Fugen gerät, wenn es bebt, stürmt und hagelt.

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Das erinnert etwas an die finalen Worte der Bergpredigt in Matthäus 7 oder 3. Nephi 14 im Buch Mormon:
„Darum: Wer diese meine Worte hört und sie tut, den will ich mit einem weisen Mann vergleichen, der sein Haus auf einem Felsen baute—
und der Regen fiel, und die Fluten kamen, und die Winde wehten und stießen an jenes Haus; und es fiel nicht, denn es war auf einem Felsen gegründet.
Und jeder, der diese meine Worte hört und sie nicht tut, wird einem törichten Mann gleichen, der sein Haus auf dem Sand baute—
und der Regen fiel, und die Fluten kamen, und die Winde wehten und stießen an jenes Haus; und es fiel, und groß war sein Fall.“

Ein Fundament haben wir hier noch gar nicht gezeichnet. Davon wird später noch die Rede sein. Fakt ist, dass wir nicht alle Bälle in der Luft halten können, ohne Schaden zu nehmen. Allerdings können uns bei diesen Turbulenzen Bälle weg fliegen, die wir lieber behalten sollten. Andere werfen wir weg, weil sie uns lästig werden oder wir sie schlicht und einfach nicht mehr beherrschen.

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Wir mögen uns ab und zu fragen, ob die Schriftstelle in Matthäus 11:28-30 wirklich Sinn macht:
„Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen.
Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.
Denn das Joch, das ich auferlege drückt nicht, und die Last, die ich zu tragen gebe, ist leicht.“

Viele Bälle, die wir in der Luft halten oder die weg fliegen, sind gegensätzlich: Verantwortung vs. Unverbindlichkeit, Sünde vs. Rechtschaffenheit, Süchte vs. Disziplin, Liebe vs. Hass, guter Job vs. schlechter Job, Fleiß vs. Trägheit, Glaube vs. Unglaube, Hoffnung vs. Hoffnungslosigkeit, Gesundheit vs. Krankheit, Freude vs. Leid, Glücklichsein vs. oberflächliches Vergnügen, Ausgeglichenheit vs. Unrast, Eigenständigkeit vs. Abhängigkeit, Nachhaltigkeit vs. Gedankenlosigkeit, Reinheit vs. Ausschweifung … Jeder kennt seine Bälle und kann die Aufzählung fortsetzen.

Ein Grundproblem unserer Zeit ist die Überbetonung des Ich. Mir muss es gut gehen. Ich muss mich finden. Zuerst komme ich dann alles andere. Diese inzwischen dominante Einstellung hat signifikante Auswirkungen. Wir können uns nicht losgelöst von anderen betrachten, denn unsere Entscheidungen haben sehr wohl Auswirkungen auf andere. Nehmen wir als Beispiel die Familie.

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In einer Familie gibt es eine ganze Menge mehr Dinge zu jonglieren. Wenn man sich allerdings entscheidet, den Fokus auf die richtigen Bälle zu legen, kann eine Familie oder eine Gruppe von Menschen, zwischen denen wertvolle Gefühle herrschen, eine ganze Menge Aufgaben mehr schultern. Leider befindet sich diese Einstellung unter einer ständigen Bedrohung durch das, was um uns herum geschieht oder viele schädliche und unnütze Bälle, die uns zugeworfen werden. Wir glauben daran, dass hinter diesen Bedrohungen ein wirkliches Wesen mit konkreten Absichten steckt – Satan, der Widersacher oder in den Heiligen Schriften auch Luzifer oder der Teufel genannt. Er, dessen Ziel es ist, möglichst viele Menschen genauso elend zu machen, wie er selbst ist. (siehe Buch Mormon, 2. Nephi 9:9 und 2. Nephi 2:27)

Eine der gravierendsten Folgen, die wir wahrnehmen, ist die Abnahme von Liebe und Nächstenliebe in Familien und der Gesellschaft. Zerbrechende Beziehungen belasten immer mehr Menschen körperlich und seelisch. Es scheint, als ob wir eine Gesellschaft errichten, die mental weniger belastbar wird und vereinsamt. In Familien sind die Hauptleidtragenden die Kinder, wenn Keile zwischen den Eltern entstehen. Es gehört zu den großen Irrtümern unserer Zeit, diese Probleme – den Zerfall und die Instabilität von Familien zu verharmlosen.

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Die Familie dient hier als ein Beispiel. Der wichtige Punkt ist aber, welche wichtigen Bälle weggeworfen und für welche destruktiven Bälle mehr Kraft und Energie eingesetzt wurden. Es sind aber nicht nur die Bälle. Es kommen wertvolle Menschen zu Schaden, oft dauerhaft. Wir sehen auch noch kein Fundament, das gemäß der oben zitierten Schriftstelle Regen und Sturm standhalten kann, selbst wenn die Gewalten und Turbulenzen in Zukunft noch viel stärker werden.

Wie baut man nun ein Fundament, das etwas taugt? Noch mehr Bälle? Noch mehr du sollst, du sollst, du sollst? Das ist nicht die Lösung. Woraus sollte dieses Fundament bestehen? Dies ist eine sehr individuelle Frage aber ich glaube, es gibt einige grundlegende Prinzipien. In unser Fundament packen wir nur Dinge, die wir wollen und die uns in Fleisch und Blut übergegangen sind. Was wir nicht wollen, bleibt ein Ball in der Luft, der uns mehr oder weniger Mühe macht. Wir müssen uns möglicherweise oft entscheiden, ob wir ihn überhaupt behalten wollen und so wird er schnell zur Last. Destruktive Dinge, die uns anhaften, schwächen unser Fundament und verringern auch nicht die Turbulenzen. Es liegt auf der Hand, dass es besser wäre, sie loszuwerden. Leider sehe ich oft in meiner Berufung, dass die Auswahlkriterien unklar sind, dass Bequemlichkeit mehr zählt als Nachhaltigkeit.

Ein paar Beispiele: das tägliche persönliche Gebet und das Familiengebet, sowie das regelmäßige Nutzen der Heiligen Schriften – so lange, wie sie Bälle in der Luft sind, die häufig zur Disposition stehen, können wir nur sporadisch oder gar nicht die Segnungen erfahren, die folgen würden, wenn wir eine dauerhafte Gewohnheit daraus machen, weil wir es wollen (nicht sollen) und diese Komponenten als einen starken Block in unser Fundament packen.

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Wenn wir diesem Prinzip folgen, bauen wir Schritt für Schritt ein besseres Fundament, in dem wir lernen und verstehen, was uns und den Menschen um uns herum (ausdrücklich NICHT NUR UNS SELBST) mehr Stabilität und Schutz vor destruktiven Einflüssen verleiht.

In meiner kirchlichen Berufung, aber nicht nur dort, erlebe ich zu häufig, dass Menschen mit den unterschiedlichsten Problemen Dinge abwählen, die sie eigentlich in ihrem Fundament brauchen – in der Regel, weil sie unbequem und vielleicht auch unpopulär sind oder den Glauben attackieren. Tempel, Zehnter und Fastopfer, Gebote, Bibel, Buch Mormon, regelmäßige Teilnahme am Abendmahl, Umkehr, Nächstenliebe, Selbstlosigkeit, Familie, Joseph Smith, Jesus Christus etc. Wenn diese und andere Dinge, die ins Fundament gehören, immer Bälle in der Luft bleiben, werden sie schwerer und schwerer und dann lassen wir sie irgendwann fallen. Es ist mühsam, Hass zu besiegen, eine Sucht, ein zwanghaftes oder unakzeptables Verhalten, Egoismus, Unverbindlichkeit, etc. etc. Aber diese Dinge und andere haben im Fundament nichts zu suchen, weil sie den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft nicht standhalten. Sie sollten noch nicht mal Bälle in der Luft sein, für die wir Kraft, Energie und Konzentration aufwenden und damit verschwenden. Wir sollten sorgfältig aussortieren.

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Ein gutes Fundament ist die Basis, um uns selbst, unsere Familie, unsere Gemeinde oder Gemeinwesen vor Turbulenzen und Erschütterungen zu schützen bzw. die Auswirkungen derselben zu minimieren. Gleichzeitig habe ich ein Dach gezeichnet, dass nicht suggerieren soll, dass man Schutz nur durch Abkapselung erhält. Der Schutz besteht darin, sich vorzubereiten und Vorkehrungen zu treffen, einen Ort der Zuflucht zu schaffen, vor allem im geistigen Sinne.

Kürzlich las ich eine Kolumne von einem dieser jungen Journalisten, mit sicherlich noch begrenzter Lebenserfahrung, die die Meinungen in unserer Gesellschaft sehr stark prägen. Er meinte, was wir definitiv nicht brauchen, ist eine Rückbesinnung auf christliche Werte. Aha. Junger Mann, dachte ich, du weißt nicht wirklich, wovon du sprichst. Diese fragwürdige Aussage hat mich so beschäftigt, dass ich ihr möglicherweise einen weiteren Post widmen werde.

Uns fehlt nämlich in unserem Bild noch der wichtigste Teil, der wichtigste Bestandteil unseres Fundamentes – Jesus Christus. Man könnte unzählige Schriftstellen zitieren, warum das so ist. Ich habe nur zwei gewählt. Die erste hat Präsident Kearon erwähnt, als wir kürzlich in Offenbach mit der Gebietspräsidentschaft Europa zusammen waren. Sie steht im Buch Mormon in Omni 1:26:

„Und nun, meine geliebten Brüder [und Schwestern], möchte ich, daß ihr zu Christus kommt, der der Heilige Israels ist, und an seiner Errettung und an der Macht seiner Erlösung teilhabt. Ja, kommt zu ihm und opfert ihm eure ganze Seele als Opfer, und fahrt fort mit Fasten und Beten, und harrt aus bis ans Ende; und so wahr der Herr lebt, werdet ihr errettet werden.“

Durch das Sühnopfer Jesu Christi wird uns hinzugefügt, was wir selbst nicht tun können – wenn wir es für uns annehmen. Wichtige Voraussetzungen dafür sind Glaube, Hoffnung und Demut. Demut führt zum Verständnis des Sühnopfers und ebnet den Weg für die Herzensänderungen, die für den oben besprochenen Prozess erforderlich sind. Es lohnt sich auf jeden Fall, mehr darüber zu lernen und selbst zu erfahren, wie Lasten tatsächlich leichter werden können (wie in der Schriftstelle oben) – nicht weil sie notwendigerweise verschwinden, sondern weil sich die Art und Weise, wie wir damit umgehen, ändert. Ich denke, selbst viele Christen haben davon nur ein unvollständiges Verständnis.

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Diese Schriftstelle zum Abschluss ist selbsterklärend.

„Darum müßt ihr mit Beständigkeit in Christus vorwärtsstreben, erfüllt vom vollkommenen Glanz der Hoffnung und von Liebe zu Gott und zu allen Menschen. Wenn ihr darum vorwärtsstrebt und euch am Wort von Christus weidet und bis ans Ende ausharrt, siehe, so spricht der Vater: Ihr werdet ewiges Leben haben.
Und nun siehe, meine geliebten Brüder, dies ist der Weg; und es ist kein anderer Weg noch Name unter dem Himmel gegeben, wodurch der Mensch im Reich Gottes errettet werden kann. Und nun siehe, dies ist die Lehre von Christus und die einzige und wahre Lehre vom Vater und vom Sohn und vom Heiligen Geist, die ein Gott sind ohne Ende. Amen.“  
Buch Mormon, 2. Nephi 31:20, 21

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Christus Statue im Besucherzentrum auf dem Tempelplatz in Salt Lake City

Ein Gedanke zu „Eine etwas andere Bildergeschichte“

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