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Jersusalem – was war, was ist und was sein wird

Gestern Abend hatte ich die Gelegenheit, per Zoom den angekündigten Vortrag über interessante Aspekte aus 4000 Jahren Geschichte von Jerusalem zu halten.

Vielen Dank für das große Interesse. Mir ging es nicht darum, die Geschichte Jerusalems umfassend darzustellen, was in 90 Minuten unmöglich wäre und wofür es wesentlich qualifiziertere Personen gibt. Mir ging es primär darum, Denkanstöße zu geben und anhand der Schriften zu zeigen, wie auf beeindruckende und zuverlässige Weise über Jahrtausende prophetische Offenbarungen in Bezug auf Stadt und Bewohner zu tatsächlicher Geschichte geworden sind und wir davon ausgehen sollten, dass dies auch in Zukunft so bleiben wird.

Es wurde der Wunsch geäußert, dass ich die Präsentation, die ich zusammengestellt habe, teile, was ich hiermit tue.

Wer weitere Fragen oder Anfragen hat, kann mich gern kontaktieren. Für mich persönlich war die intensive Beschäftigung mit dem Thema eine sehr spannende und inspirierende Zeit, die meine Überzeugungen gestärkt hat.

Jerusalem Vortrag

Im September letzten Jahres wurde ich von der Frauenorganisation unseres Pfahles gebeten, einen Vortrag über die Geschichte Jerusalems zu halten. Das habe ich getan. Danach gab es verschiedene Anfragen, den Vortrag zu wiederholen.

Damit fange ich am Freitag, den 14.01.2022 um 19:00 mit einem Zoom-Vortrag für die Gemeinden Chemnitz und Hohenstein-Ernstthal an. Wir haben entschieden, aufgrund der gegenwärtigen Pandemiesituation keine Präsenzveranstaltung im Gemeindehaus durchzuführen sondern Zoom zu nutzen, wodurch auch Interessierte teilnehmen können, die nicht im Raum Chemnitz wohnen.

Ich lade alle Leserinnen und Leser, die sich für dieses spannende Thema interessieren, herzlich dazu ein.

Die Zugangsdaten sind im Bild oben zu finden. Es kann auch dieser Link genutzt werden:

https://us02web.zoom.us/j/87924533155?pwd=TjNTZEp1ZnhMU0Q1N1hhZ2lER3Vpdz09

Ich hoffe, dass im Verlauf des Jahres die anderen Anfragen auch wieder in Person verwirklicht werden können.

Christi Geburt

Der erste Weihnachtsfeiertag hat uns dieses Jahr weiße Weihnachten beschert, worüber wir uns sehr gefreut haben.

Zu Weihnachten singen viele Menschen überall auf der Welt das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ und dabei auch die Textzeile „Christ der Retter ist da“. In vielen anderen Weihnachtsliedern wird Christus‘ Rolle als Erretter und Erlöser der Welt ebenfalls besungen. Eine wunderbare Botschaft, die richtig verstanden werden sollte.

Gérald Caussé, der Präsidierende Bischof der Kirche Jesu Christi hat letztes Jahr eine schöne Zusammenfassung über die errettende und erlösende Macht des Sühnopfers Jesu Christi gegeben.

Das Sühnopfer Jesu Christi ist ein Geschenk an alle, die auf Erden gelebt haben, derzeit leben oder noch leben werden.

Der Messias hat nicht nur die Last unserer Sünden getragen, sondern auch unseren Kummer, unsere Schwächen, unser Leid, unsere Krankheiten und alle Arten von Bedrängnis, die man als Sterblicher erleben kann, auf sich genommen. Es gibt keine Seelenqual, kein Leid, keine Betrübnis, die er nicht für uns durchlitten hätte.

Dank des Sühnopfers des Erretters können wir die negativen Folgen des Falls Adams überwinden, so auch den leiblichen Tod. Dank Christus wird allen Kindern Gottes, die auf dieser Erde geboren wurden, unabhängig von ihrer Rechtschaffenheit der Segen zuteil, dass durch die Macht der Auferstehung ihr Geist und ihr Körper wiedervereinigt werden und sie zu Gott zurückkehren, „um gemäß ihren Werken gerichtet zu werden.

Im Gegensatz dazu hängt es davon ab, wie eifrig wir nach der „Lehre von Christus“ leben, ob wir sämtliche Segnungen des Sühnopfers des Erretters erlangen. In seinem Traum sah Lehi den „engen und schmalen Pfad“, der zum Baum des Lebens führt. Die Frucht davon, die die Liebe Gottes darstellt, wie sie durch die außerordentlichen Segnungen des Sühnopfers Christi zum Ausdruck kommt, ist „überaus kostbar und … überaus begehrenswert [und ist] die größte aller Gaben Gottes“. Um diese Frucht erhalten zu können, müssen wir Glauben an Jesus Christus ausüben, umkehren, „auf das Wort Gottes höre[n]“, die notwendigen heiligen Handlungen empfangen und bis an unser Lebensende heilige Bündnisse halten.

Durch sein Sühnopfer hat Jesus Christus nicht nur unsere Sünden fortgewaschen, sondern er stattet seine Jünger auch mit helfender Macht aus, dank der sie „den natürlichen Menschen ableg[en]“, „Zeile um Zeile“ Fortschritt machen und an Heiligkeit zunehmen können. Dies wiederum ermöglicht es ihnen, eines Tages vollkommene Wesen im Abbild Christi zu werden, würdig, wieder bei Gott zu leben und alle Segnungen des Himmelreichs zu ererben.

Wie einzigartig und großartig. Und wie schön, Seine Geburt zu feiern und dieses Ereignis gebührend zu würdigen.

Frohe Weihnachten!

„Millions shall know Brother Joseph again“

Heute, am 23. Dezember, kam vor 216 Jahren im abgelegenen Sharon in Vermont Joseph Smith, der Prophet der Wiederherstellung und Begründer der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage zur Welt. Ich bin diesem Mann unendlich dankbar für seine Lebensleistung und dem daraus resultierenden Einfluss auf mein eigenes Leben. Durch ihn habe ich eine klare Vorstellung vom Wesen Gottes, die für mich perfekten Sinn macht. Ich verstehe die Bedeutung von Jesus Christus und seine Beziehung sowohl zum Vater als auch zu uns Menschen viel besser. Durch ihn weiß ich, dass es, basierend auf dem Evangelium Jesu Christi, einen ewigen Plan der Erlösung gibt, dessen Tiefe, Vollständigkeit, Nachhaltigkeit und Perspektiven durch nichts, was ich bisher kennengelernt habe, auch nur annähernd erreicht werden konnte. Er wurde berufen, den Prozess der Wiederherstellung der Fülle des Evangeliums einzuleiten und Grundlagen zu schaffen, auf denen Generationen von Kirchenführern und Mitgliedern aufbauen konnten und es noch immer tun, da die Wiederherstellung kein einmaliges Ereignis sondern ein Prozess ist. Ihm verdanke ich, dass ich das Buch Mormon lesen kann, eines der wichtigsten Bücher überhaupt.
Seine Unvollkommenheiten machen ihn für mich menschlich und nahbar. Ich warte auf den Tag nach diesem Leben, an dem ich ihm begegnen und danken kann. Ich werde auch viele Fragen haben. Die Antworten, sofern ich sie nicht schon in diesem Leben durch sorgfältige intellektuelle und geistige Arbeit finde, werden – da bin ich mir sicher – mein Verständnis erweitern. Das geschieht für mich bereits seit vielen Jahren.

Einer seiner Weggefährten, William W. Phelps, dessen Lebensgeschichte und -werk eine eingehende Betrachtung verdienen und der eine sehr wechselvolle Beziehung zu Joseph Smith hatte, schrieb kurz nach der Ermordung von Joseph Smith am 27. Juni 1844 den Text eines Kirchenliedes, das weit oben in meinen Hymn Charts steht.

„Praise To The Man“ oder auf Deutsch „Preiset den Mann“ ist nicht nur Tribut an Joseph Smith, sondern auch Ausdruck bemerkenswerter Sinnes- und Herzenswandlungen, die William W. Phelps an sich vollzogen hat, nach dem er erkannte, dass er sich in einigen Dingen geirrt hatte.

In der letzten Strophe des Liedes gibt es eine Textzeile mit den Worten: „Millions shall know Brother Joseph again“. Diese Zeile berührt mich jedes Mal, wenn ich das Lied anhöre oder selbst spiele. Leider gibt die deutsche Übersetzung in unserem Gesangbuch diese Worte nicht wieder.

Millionen werden Bruder Joseph wieder kennen – genau das wird, so glaube ich, geschehen. Ähnlich wie für William W. Phelps wird für viele, die ihn aus den unterschiedlichsten Gründen abgelehnt oder verworfen haben, die Zeit kommen, wenn ihnen ihre Irrtümer bewusst werden.

Bruder Joseph hat William freimütig vergeben. Bekannt ist der Briefwechsel zwischen beiden, als William in die Kirche zurückkehrte:

“In late 1838, William W. Phelps, who had been a trusted Church member, was among those who bore false testimony against the Prophet and other Church leaders, leading to their imprisonment in Missouri. In June 1840,
Brother Phelps wrote to Joseph Smith, pleading for forgiveness”

(Teachings of Presidents of the Church: Joseph Smith [2007], 396).

„Ende 1838 gehörte William W. Phelps, der ein vertrauenswürdiges Mitglied der Kirche gewesen war, zu denjenigen, die falsches Zeugnis gegen den Propheten und andere Kirchenführer abgelegt hatten, was zu deren Inhaftierung in Missouri führte. Im Juni 1840,
schrieb Bruder Phelps an Joseph Smith und bat ihn um Vergebung.“

“Brother Joseph[,]
. . . I am as the prodigal Son . . . : I have been greatly abased and humbled. . . . I know my situation, you know it, and God knows it, and I want to be saved if my friends will help me. . . . I have done wrong and I am Sorry. The beam is in my own eye.
. . . I ask forgiveness in the name of Jesus Christ of all the saints[,] for . . . I want your fellowship”

(in The Joseph Smith Papers, Documents, Volume 7: September 1839–January 1841, ed. Matthew C. Godfrey and others [2018], 304–5).

„Bruder Joseph[,]
. . . Ich bin wie der verlorene Sohn: Ich bin sehr erniedrigt und gedemütigt worden. . . . Ich kenne meine Lage, du kennst sie, und Gott kennt sie, und ich will gerettet werden, wenn meine Freunde mir helfen. . . Ich habe Unrecht getan und es tut mir leid. Der Balken ist in meinem eigenen Auge.
. . . Ich bitte um Vergebung im Namen Jesu Christi aller Heiligen[,] denn . . . Ich möchte deine Gemeinschaft“

The Prophet Joseph Smith replied in a letter to William W. Phelps:
“It is true, that we have suffered much in consequence of your behavior—the cup of gall, already full enough for mortals to drink, was indeed filled to overflowing when you turned against us. . . .
However, the cup has been drunk, the will of our Father has been done, and we are yet alive. . . .
Believing your confession to be real, and your repentance genuine, I shall be happy once again to give you the right hand of fellowship, and rejoice over the returning prodigal.
Your letter was read to the Saints last Sunday, and . . . it was unanimously resolved, that W. W. Phelps should be received into fellowship.
‘Come on, dear brother, since the war is past,
For friends at first, are friends again at last’”

(Teachings of Presidents of the Church: Joseph Smith [2007], 398).

Der Prophet Joseph Smith antwortete in einem Brief an William W. Phelps:
„Es ist wahr, dass wir infolge deines Verhaltens viel gelitten haben – der Kelch der Galle, der für die Sterblichen schon voll genug war, um ihn zu trinken, wurde tatsächlich bis zum Überlaufen gefüllt, als du dich gegen uns gewandt hast. . . .
Doch der Kelch ist ausgetrunken, der Wille unseres Vaters wurde erfüllt, und wir leben noch. . . .
Da ich davon überzeugt bin, dass dein Bekenntnis echt und deine Reue aufrichtig ist, freue ich mich, dir noch einmal die rechte Hand der Gemeinschaft zu reichen und mich über den zurückgekehrten verlorenen Sohn zu freuen.
Dein Brief wurde den Heiligen letzten Sonntag vorgelesen, und … es wurde einstimmig beschlossen, dass W. W. Phelps in die Gemeinschaft aufgenommen werden soll.
Komm, lieber Bruder, denn der Krieg ist vorbei,
Denn die zuerst Freunde waren, sind endlich wieder Freunde.'“

Vor einigen Wochen habe ich das Buch „Real vs. Rumor“ des Historikers Keith A. Erekson gelesen – eine lohnenswerte Lektüre für alle, die durch kirchengeschichtliche Ereignisse irritiert oder unsicher sind, wie man sich ausgewogen mit Geschichte beschäftigen sollte, ohne häufigen Fehlern wie Präsentismus, Problemen mit korrekter Herstellung von Kontexten oder nachlässiger Prüfung von Quellen zu verfallen. Es gibt Anregungen, wie man vorurteilsfreie und sorgfältige intellektuelle Arbeit leisten kann, um Antworten auf kritische Fragen besonders auch zu Joseph Smith zu finden. Am Ende dieses Artikels habe ich eine Liste von Fragen angefügt, die in dem Buch empfohlen werden, mit deren Hilfe man bessere intellektuelle Arbeit leisten wird. Selbstverständlichkeit decken diese Fragen nur einen gewissen Teil der erforderlichen Arbeit ab. Sie sind aber ein guter Anfang. In der Folge muss man sich auch dem Thema stellen, nach welchen Kriterien man Schlussfolgerungen trifft. Die Geschichte von Joseph Smith ist ein gutes Beispiel dafür.

Wenn man diese intellektuelle Arbeit noch mit geistiger Arbeit verbindet (worüber ich in meinem kürzlich veröffentlichten Post „Weitsicht“ geschrieben habe) oder noch besser dieser die Priorität gibt, verringert sich der intellektuelle Aufwand, denn der Heilige Geist fängt an, wieder Zeugnis zu geben – ein unverzichtbarer Bestandteil der Interpretation religiöser Geschichte. Dazu gehört auch die Ehrlichkeit eines William W. Phelps oder nach heutiger Lesart, die Einsicht, seine eigenen Motive und Widersprüche zu Glaubensprinzipien selbstkritisch zu hinterfragen.

Der 23. Dezember ist für mich ein wichtiger Tag, denn
Millions shall know Brother Joseph again.

Fragen bei der Beschäftigung mit Geschichte, besonders glaubensbezogener Kirchengeschichte:

  1. Überblick über die Situation

    Stellen Sie Fragen, bevor Sie lesen. Möglicherweise können Sie nicht alle Fragen im Voraus beantworten, aber wenn Sie sich die Fragen einprägen, können Sie den Inhalt, die Zusammenhänge und die Bedeutungen erforschen.

    Wann und wo wurde die Quelle, die Geschichte oder die Studie verfasst?
    Steht sie im Zusammenhang mit einem bestimmten Ereignis, z. B. einem Treffen oder einer Veranstaltung?
    Wer war der Autor oder Schöpfer?
    Was können Sie über den Hintergrund und die Perspektive des Autors herausfinden?
    Berücksichtigen Sie Alter, Geschlecht, Rasse, Bildung, soziale Stellung, Zugehörigkeit, Werte, Motive und Vorurteile des Autors.
    Wer war die Zielgruppe des Autors?
    Gehört der Autor zum Publikum, ist er ein Gegner des Publikums oder steht er in einer anderen Beziehung zum Publikum?
    Warum hat der Autor diese Quelle, Geschichte oder Studie verfasst?
    Wer profitiert von der Existenz dieser Quelle oder Geschichte?
    Handelt es sich um ein Stück der Vergangenheit, das als Quelle in der Gegenwart weiterlebt?
    Handelt es sich um eine Geschichte, die von jemandem erzählt wird, der die Ereignisse miterlebt hat oder später dazukam?
    Handelt es sich um eine Studie, die frühere Quellen und Geschichten berücksichtigt?
  1. Analysieren Sie den Inhalt
    Lesen Sie genau und stellen Sie Fragen zum Inhalt.
    Welche Personen, Ereignisse, Themen, Zeiten, Orte, Illustrationen, Bilder oder Metaphern werden behandelt?
    Wer oder was fehlt oder wird in dieser Quelle oder Geschichte vergessen?
    Wie wurde die Geschichte vereinfacht? Was wurde im Laufe der Zeit hinzugefügt oder übertrieben?
    Was wird verschwiegen, unausgesprochen, angedeutet oder unbeantwortet gelassen?
    Was wird zuerst erzählt, und was wird bis zum Schluss aufgeschoben?
    Ist der Autor mit einer Stimme und einem Zeugnis sichtbar oder versteckt er sich hinter passiven Verben?
    Ist der Autor aufrichtig und objektiv, sanft und flehend, ungeduldig und fordernd, herablassend oder schrill und missbilligend?
    Was ist der Hauptgedanke, die Position oder die Interpretation?
    Was wird gefragt, behauptet, umgedeutet, verteidigt oder in Frage gestellt?
    Ignoriert der Autor zusätzliche Fragen oder nimmt er mögliche Gegenbehauptungen vorweg?
    Welche Beweise legt der Autor vor, um seine Behauptungen zu untermauern?
    Wurden die Beweise beobachtet (aus erster Hand), gehört (aus zweiter Hand) oder hergeleitet?
    Sind die Quellen echt (authentisch), korrekt (genau) und vollständig (umfassend)?
    Geht der Autor auf die Beschränkungen oder Unstimmigkeiten der verfügbaren Quellen ein?
    Wie hat der Autor die Quellen ausgewählt, und hätten auch andere Quellen in Betracht gezogen werden sollen?
    Gibt der Autor die Quellen so an, dass Sie sie auffinden und auswerten können?
    Wie stellt sich der Autor die Welt, die Menschen, die Kultur, die Vergangenheit oder das Gute vor?
    Geht der Autor davon aus, dass er mit den Lesern dieselbe Sprache und Kultur teilt?
    Wie prägen die Annahmen und Werte den Zweck und die Argumentation?
    Folgt die konkrete Geschichte einem allgemeineren Drehbuch?
    Sind die Figuren der Geschichte Opfer, Schurken oder hilflos?
    Evoziert die Geschichte größere Erzählungen über Amerika, Fortschritt oder Kulturkriege?
    Verfügt das Werk über Zitate, Abbildungen, Karten oder einen Index?
    Erfordert die Quelle die Verwendung einer anderen Sprache oder Technologie?
    Enthält die Quelle bemerkenswerte physische Merkmale, wie Handschrift, Siegel, Anmerkungen oder offizielle Stempel?
  1. Mit Kontexten verbinden
    Stellen Sie Fragen, die die Quelle mit anderen Dingen in Verbindung bringen, die vor, während und nach ihrer Entstehung geschehen sind.
    Handelt es sich um eine Quelle, eine Geschichte oder eine Studie?
    Wann und wo wurde sie erstellt?
    Mit welcher Absicht wendet sich der Autor an dieses Publikum?
    Welche anderen spezifischen Ereignisse fanden zur gleichen Zeit statt, z. B. Kriege, politische Bewegungen oder Wirtschaftskrisen?
    Welche langfristigen gesellschaftlichen, kulturellen, politischen oder demografischen Trends waren im Gange?
    Was geschah in dieser Zeit an ähnlichen Orten, z. B. in anderen ähnlichen Häusern oder Gemeinschaften?
    Wie antwortet diese Quelle auf Fragen, stellt Fragen oder fügt sich in laufende Gespräche zwischen Autoren ein?
    Verwendet die Quelle Metaphern, Symbole oder Schriften, die bereits von anderen Autoren verwendet wurden?
    Wie steht sie im Vergleich zu anderen Beispielen für diese Art von Geschichte?
    Wie wurde die Quelle zu ihrer Zeit oder seitdem produziert oder verbreitet?
    Wo hat sie sich befunden, seit der Autor sie geschaffen hat? (Provenienz)
    Existiert sie in verschiedenen Versionen, z. B. als Auszüge, Kopien, Abschriften oder Übersetzungen?
    Enthält es Informationen, die aufgrund von Datenschutzrechten, Urheberrechten oder Gesetzen und Vorschriften respektiert werden sollten?
    Enthält es Informationen, die aus kulturellen oder religiösen Gründen respektiert werden sollten?
    Wie fügt sich die Quelle, Geschichte oder Studie in das Leben und das Gesamtwerk ihres Schöpfers ein?
    Bietet diese Quelle einen Einblick in die Gefühle oder Erfahrungen des Autors zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens?
    Haben sich die Ansichten des Autors im Laufe der Zeit geändert?
    Wie passt es in den Plan der Erlösung?
    Wie passt es in das Evangelium von Jesus Christus?
  1. Bedeutungen bewerten
    Stellen Sie nach dem Lesen bewertende Fragen.

    Grundlegende Bewertung:
    Was ist geschehen? (Beschreibung)
    Was haben sie gedacht? (Interpretation)
    Warum damals und heute? (Erläuterung)
    Was denken wir darüber? (Wertung)

    Kriterien für die Bewertung:
    Können die Informationen aus anderen Quellen verglichen, überprüft, bestätigt oder trianguliert werden? (Korrektheit)
    Wurde sie in der Vergangenheit von der Person erstellt, die behauptet, sie erstellt zu haben? (Authentizität)
    Sind die Informationen konsistent und vertrauenswürdig? (Verlässlichkeit)
    Berücksichtigt sie alle relevanten Informationen nach Treu und Glauben, ohne Verzerrung und unter Berücksichtigung der Interessen der Betroffenen? (Fairness)
    Ist sie breit genug, um alle Standpunkte zu berücksichtigen, tief genug, um komplexe Sachverhalte zu berücksichtigen, und gründlich bei der Überprüfung früherer Quellen und Berichte? (Umfassend)

    Historische Bedeutung:
    Was waren die unmittelbaren Veränderungen, Entwicklungen oder Folgen der Quelle oder Geschichte?
    Waren die Veränderungen weitreichend oder die Auswirkungen langfristig, oder wurden Präzedenzfälle für zukünftige Handlungen oder Interpretationen geschaffen?
    Hielten die Menschen zu jener Zeit die Quelle für wichtig, oder wurde ihre Bedeutung erst im Laufe der Zeit deutlich?

    Verwendbare Signifikanz:
    Können wir sie nutzen, um die Vergangenheit zu dokumentieren, zu beschreiben oder zu erhellen?
    Was bedeutet die Quelle aus heutiger Sicht, warum ist sie wichtig, wie kann sie genutzt oder angewendet werden, und hat sie einen Bezug zu aktuellen Ereignissen oder Trends?
    Können Elemente aus der Vergangenheit als Rahmen für aktuelle Aktivitäten verwendet werden? (Analogie) Persönliche Bedeutung Ist der Autor oder Schöpfer Ihr Vorfahre?
    Inwiefern ist es für Sie in der Gegenwart relevant oder anwendbar?“

Zum 4. Advent

Diese Woche erhielt ich einen Weihnachtsbrief in dem einige Verse aus dem Buch Mormon zitiert werden:

„Und nun war dies gewiss ein kummervoller Tag, ja, eine Zeit ernster Besinnung und eine Zeit von viel Fasten und Beten. …
Und so sehen wir den großen Ruf an den Fleiß der Menschen, in den Weingärten des Herrn zu arbeiten; und so sehen wir den großen Grund für Leid und auch für Freude – Leid wegen des Todes und der Vernichtung unter den Menschen, und Freude wegen des Lichtes Christi zum Leben.“

(Buch Mormon, Alma 28:6, 14)

Auch in dieser Weihnachtszeit begegnet uns Kummer, nicht nur weit entfernt, sondern auch unter Menschen, die wir kennen und schätzen, mit denen wir uns verbunden fühlen.
Seit einigen Wochen haben wir großen Bedarf und viele Gelegenheiten, anderen geistlich zu dienen, zum Beispiel durch Fasten und Beten.
Wir bangen um Leben und Gesundheit von Menschen, die uns nahe stehen und trauern mit denen, die tragischerweise Angehörige verloren haben. Wir fühlen mit denen, deren Seelen leiden und für die es nicht leicht ist, Licht in dieser Zeit wahrzunehmen.

Unsere Gebete zu Gott und unsere Kommunikation mit ihm sind in den letzten Monaten intensiver geworden. Dadurch haben wir Kraft gewonnen, um Momente zu schaffen, die hoffentlich für andere etwas mehr Licht bringen und uns vor destruktivem Getöse schützen. Nein, wir wollen keine zornigen oder zynischen Menschen werden. Zorn und Zynismus sind die Antithese zu Weitsicht und Nachhaltigkeit.

Wir sind dankbar für unsere Familie und die Liebe, die wir füreinander empfinden. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern der Lohn für beständige Bemühungen und eine gelebte Haltung. Leider können wir aufgrund der Pandemie nicht alle an einem Ort zusammen kommen, aber wir fühlen uns sehr miteinander verbunden.

In der Weihnachtszeit, aber nicht nur dann, umgeben wir uns gern mit erhebender Musik, die unsere Gedanken und Gefühle näher zu Gott bringt und geeignet ist, inneren Frieden zu fördern. Wir genießen die Momente, in denen wir gemeinsam in der Familie und mit Freunden musizieren können – Zuhause, zur Gottesverehrung in der Gemeinde und anderswo. Dabei entsteht Licht.

Im oben erwähnten Weihnachtsbrief wurde noch eine Schriftstelle erwähnt – mit einer Aufforderung zum Schulterschluss und zur Entschlossenheit, im Werk des Herrn unbeirrt voran zu gehen.

„Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Lichte des Herrn!“
(Bibel, Jesaja 2:5)

Russell M. Nelson, Prophet und Präsident der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, hat diese Woche folgendes gesagt:

„Da so viele unserer Mitmenschen durch Ängste und Unsicherheit belastet sind“, so Präsident Nelson in einem neuen Video, „fordere ich Sie auf, in Ihrem Herzen Platz für diejenigen zu schaffen, die sich vielleicht schwertun, das Licht des Erretters zu sehen und seine Liebe zu spüren. Kein Geschenk ist so bedeutsam wie das, was Sie aus reiner Liebe heraus für die Einsamen, Erschöpften und Müden tun. Ebensolche Geschenke erinnern uns und sie an den wahren Grund für Weihnachten: das Geschenk des Sohnes Gottes, Jesus Christus, der geboren wurde, um alle Furcht zu vertreiben und allen, die ihm nachfolgen, immerwährendes Licht und Freude zu bringen.“

Frohe Weihnachten

Nach dem 2. Advent

Wir hatten gestern zum 2. Advent einen sehr schönen Fast- und Zeugnisgottesdienst. Die Harmonie war deutlich spürbar und alle, die dabei waren, fühlten sich aufgebaut. Esther und ich unterhielten uns danach darüber, wie erstrebenswert dieser Geist beim Bewältigen der vielen Herausforderungen, die das Leben zu bieten hat, wäre. Leider erleben wir im Alltag oft das Gegenteil.

Zur letzten Generalkonferenz hat Elder Quentin L. Cook vom Rat der Zwölf folgende Feststellung gemacht:

„Ich habe in meinem Leben noch nie so viel Mangel an Anstand erlebt wie heutzutage. Wir werden mit wütender, streitsüchtiger Sprache bombardiert und unzählige provokante Taten mit verheerenden Folgen zerstören den Frieden und die Ruhe. …“

Leider ist das traurige Realität. Unzivilisiertes Verhalten verschafft sich mehr und mehr Raum. Das darf einerseits auf zivilisierte und konsequente Weise nicht hingenommen werden und andererseits gibt es unzählige Dinge, die wir alle tun können, die uns persönlichen Frieden inmitten einer aufgebrachten Umgebung bringen werden.

Elder Cook hat weiter gesagt:

„Jedoch können wir persönlichen Frieden erlangen – ungeachtet des Zorns, des Streits und der Spaltung, die unsere heutige Welt verderben und zerstören. Noch nie ist es wichtiger gewesen, nach persönlichem Frieden zu streben.“

Gestern morgen wurde im Deutschlandfunk Kultur ein Beitrag, den ich für unsere Kirche geschrieben habe, gesendet. (Link zur Audiothek: https://www.deutschlandfunkkultur.de/wort-zum-tage-kirche-jesu-christi-der-heiligen-der-letzen-tage-dlf-kultur-f391962a-100.html)

Mit meinen Gedanken möchte ich ein paar Anregungen geben, wie jede oder jeder von uns sich bewusst an inneren Heilungsprozessen unserer Gesellschaft beteiligen kann. Dass diese Prozesse dringend erforderlich sind, steht außer Frage. Damit sie stärker wirken können, ist bewusstes Denken und Handeln möglichst vieler Menschen gefragt, die es schaffen, das Elend des Egoismus hinter sich zu lassen.

Hier ist der Text:

„Vor einigen Wochen fragte mich meine Frau, was ich mir zu Weihnachten wünsche. Ihre Frage hat mich dazu gebracht, etwas tiefgründiger über die Wünsche in meinem Herzen nachzudenken.

Unsere Welt gerät weiterhin aus den Fugen. Trotz bemerkenswerter wissenschaftlicher und technologischer Fortschritte scheint die Menschheit zunehmend auseinander zu driften. Verlieren wir tatsächlich den Zusammenhalt, den wir so dringend für die Lösung der vielfältigen Probleme brauchen, die unweigerlich, als Folge der Gesetze von Ursache und Wirkung in Natur und Gesellschaft, mit Wucht auf uns zu rollen?

So berechtigt unsere Sorgen auch sein mögen, so gibt es jedoch viele gute Gründe, dass wir uns aktiv entschließen, Teil der Lösungen zu sein. Die entscheidenden Veränderungen, die es braucht, um eine Gesellschaft von innen heraus zu heilen, finden zum größten Teil im Kleinen statt – in den Herzen, Sinnen und Taten vieler Menschen, die dieses Prinzip verstanden haben.

Welche Wünsche, abgesehen von ein paar unwichtigen materiellen, bewegen mich nun in dieser Weihnachtszeit? Ich möchte Ihnen gern ein paar nennen, die mir wichtig sind.

Wie kann ich meiner Ehepartnerin und meinen Kindern mehr Liebe zeigen, so dass wir uns noch stärker miteinander verbunden fühlen?

Wo kann ich die Kraft und Motivation finden, dass sich andere Menschen durch eine Begegnung mit mir besser verstanden, wertgeschätzt oder aufgebaut fühlen?

Was kann ich tun, dass sich Orte, an denen ich mich aufgehalten habe, danach in einem besseren Zustand befinden?

Wie kann ich dazu beitragen, dass sowohl seelische als auch materielle Not in meiner Umgebung erkannt und gelindert wird?

Es gibt unverzichtbare Werte, die die Menschheit im Innersten zusammenhalten und Gottes Schöpfung bewahren. Wenn wir einige von ihnen abwählen und ihr Zusammenwirken nicht verstehen, leben wir nicht mehr nachhaltig. Wie kann ich also Nachhaltigkeit im ganzheitlichen Sinne besser vorleben?

Für die Erfüllung dieser Wünsche bzw. Beantwortung dieser Fragen sind, neben den notwendigen Überzeugungen, auch Glaube und Inspiration sehr hilfreich. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die uns auf ungeahnte Weise die Augen und Herzen öffnen können, wenn wir es zulassen. In den Heiligen Schriften lesen wir die Worte von Jesus Christus: „Bittet, so wird euch gegeben werden; suchet, so werdet ihr finden, klopft an, so wird euch aufgetan werden.“ (Matthäus 7:7)“

Weihnachten ist eine gute Zeit, damit zu beginnen und sich Christus zuzuwenden.

Foresight

A few weeks ago, my wife and I took a hike up the Steinplatte near Kitzbühel in Austria.

From the summit we had a magnificent view in all directions. In the north we could see the Chiemsee,

in the south the entire main ridge of the Alps with the Großglockner and Großvenediger, the Kitzbühler Horn and the Loferer Steinberge,

to the east the Watzmann and other mountains in the Salzburger Land

and to the west the Wilder Kaiser and many other peaks of the Allgäu and in Tyrol.

It was uplifting, despite the somewhat rough weather.

While processing the impressions, I had to think about how important foresight is in our lives and for our decisions.

Foresight is a rare commodity in the political and social discourse we are currently experiencing. It is logical that an excessive emphasis on individualism and a focus on satisfying one’s own needs as quickly as possible are often incompatible with foresight and sustainability. The view of the big picture and the general good can quickly be lost, as can the ability to inform oneself objectively and comprehensively and to draw conclusions from this not only for oneself.

Angry critics usually have no sustainable solutions to offer and prefer to look for culprits for their discomfort instead of making a serious attempt to move to a level that allows for a more far-sighted reconsideration of their own behavior.
This applies not only to the pandemic, which is only the prelude to coming societal challenges that will undoubtedly befall us, because the laws of cause and effect cannot simply be suspended. We should assume that such challenges will be even more demanding than what we currently know, especially when they encounter a society deeply divided by unreason.

Will our society that has made a habit to relativize values be able to act insightfully, farsightedly, considerately and united in the future? How will we in the future be able to distinguish between absolutely correct information, information fraught with uncertainty, false information and completely absurd information and process it with expertise? Will decision-makers (that include us) do not only intellectual work, but also the spiritual work required to make inspired decisions that we so sorely miss?

What does it mean to do spiritual work that leads to greater foresight? For me, this aspiration is inseparable from developing a close relationship with God.

At the moment I am reading the addresses of the last General Conference of our church (see App Gospel Library or at https://www.churchofjesuschrist.org/study/general-conference/2021/10?lang=eng). I often think how desirable it would be if all who work on decisions, no matter how significant, were inspired by what was said and written there. I wonder what it would be like if the people who are preparing to govern our country would do that.

But that is not all. A few weeks ago, I took with me from our stake conference in Leipzig some statements from the president of our church, Russell M. Nelson, which were thankfully quoted by Helmut Wondra (Thank you very much!) from Vienna. They describe how this spiritual work should look like, so that a connection to our Father in Heaven can actually be established through the work of the Holy Spirit. Here are the quotes with a few comments (not in bold) from me:

„But in coming days, it will not be possible to survive spiritually without the guiding, directing, comforting, and constant influence of the Holy Ghost.
I plead with you to increase your spiritual capacity to receive revelation.
Choose to do the spiritual work required to enjoy the gift of the Holy Ghost and hear the voice of the Spirit more frequently and more clearly.

How we qualify:

Nothing opens the heaven faster than a combination of

  • increased purity, (it is basically about how righteous our thoughts and the resulting actions are, how much they are in harmony with God)
  • exact obedience, (exact does not mean blind, but it definitely does not mean cherry picking – choosing only what suits me)
  • daily feasting on the words of Christ in the Book of Mormon (this does not exclude other scriptures, of course, but the book does have a special power)
  • a regular time reserved for temple work and family research. (this is the power that can connect generations).

How we receive:

  • Find a quiet place to go to.
  • Humble yourself before God.
  • Pour out your heart before the Father in Heaven. Turn to Him for answers and comfort.
  • Pray in the name of Jesus Christ about your worries, your fears, your weaknesses, yes, even the longings of your heart.
  • And then listen.
  • Write down the thoughts that come to your mind. Write down your feelings
  • and put into action what is put into your mind.
  • If you keep doing this, day after day, month after month, year after year, you will grow into the Principle of Revelation.“

We consider President Nelson to be a prophet of God. If we look carefully at the scriptures to see how readily the word of contemporary prophets was accepted in their respective eras, we can see that people have always been selective and often hostile to it when they saw their personal preferences violated. However, we also learn from this analysis that these people usually erred due to a lack of foresight and an excess of self-pride, often with dramatic consequences. We see this in the present as well. And it is still unwise.

We need a much greater degree of foresight in these times, so that we can deal with complex problems in a sustainable manner and protect ourselves more reliably from or counteract errors, ideological dissembling, the spread of inhuman behavior or abstruse ignorance. This requires more and more careful intellectual and spiritual work.

Weitsicht

Vor einigen Wochen haben meine Frau und ich eine Wanderung auf die Steinplatte in der Nähe von Kitzbühel in Österreich unternommen.

Vom Gipfel hatten wir einen grandiosen Ausblick in alle Himmelsrichtungen. Im Norden konnten wir den Chiemsee sehen,

im Süden den gesamten Alpen-Hauptkamm mit Großglockner und Großvenediger, das Kitzbühler Horn und die Loferer Steinberge,

nach Osten den Watzmann und weitere Berge im Salzburger Land

sowie nach Westen den Wilden Kaiser und viele weitere Gipfel des Allgäu und in Tirol.

Es war erhebend, trotz des etwas rauhen Wetters.

Beim Verarbeiten der Eindrücke musste ich daran denken, wie wichtig Weitsicht in unserem Leben und für unsere Entscheidungen ist.

Weitsicht ist ein rares Gut im politischen und gesellschaftlichen Diskurs, den wir zur Zeit erleben. Dabei ist es logisch, dass eine übermäßige Betonung von Individualismus und eine Ausrichtung auf möglichst schnelle Befriedigung eigener Bedürfnisse mit Weitsicht und Nachhaltigkeit oft nicht kompatibel sind. Der Blick für das Große und Ganze und das allgemeine Wohl kann da schnell verloren gehen, genauso auch die Fähigkeit, sich objektiv und umfassend zu informieren und daraus Schlussfolgerungen nicht nur für sich selbst zu ziehen.

Wütende Kritiker haben in der Regel keine nachhaltigen Lösungen zu bieten und suchen lieber Schuldige für ihr Unbehagen anstatt den ernsthaften Versuch zu unternehmen, sich auf eine Ebene zu begeben, die ein weitsichtigeres Überdenken des eigenen Verhaltens ermöglicht.
Das betrifft nicht nur die Pandemie, die nur das Präludium für kommende gesellschaftliche Herausforderungen ist, die uns zweifellos ereilen werden, weil sich die Gesetze von Ursache und Wirkung nicht einfach außer Kraft setzen lassen. Wir sollten davon ausgehen, dass solche Herausforderungen noch viel fordernder sein werden, als das, was wir zur Zeit kennen, besonders wenn sie auf eine durch Unvernunft zutiefst gespaltene Gesellschaft treffen.

Wird unsere Werte relativierende Gesellschaft in Zukunft in der Lage sein, einsichtig, weitsichtig, umfassend rücksichtsvoll und einig zu handeln? Wie werden wir in Zukunft absolut richtige, mit Unsicherheiten behaftete, falsche und komplett absurde Informationen voneinander unterscheiden und mit Sachverstand verarbeiten können? Werden Entscheidungsträger (das sind auch wir) nicht nur intellektuelle Arbeit, sondern auch die geistige Arbeit leisten, die erforderlich ist, um inspirierte Entscheidungen zu treffen, die wir so schmerzlich vermissen?

Was bedeutet es, geistige Arbeit zu leisten, die zu einer größeren Weitsicht führt? Für mich ist dieser Anspruch untrennbar mit der Entwicklung einer engen Beziehung zu Gott verbunden.

Zur Zeit lese ich die Ansprachen der letzten Generalkonferenz unserer Kirche (siehe App Archiv Kirchenliteratur oder unter https://www.churchofjesuschrist.org/study/general-conference/2021/10?lang=deu). Oft denke ich, wie wünschenswert es wäre, wenn alle, die an Entscheidungen arbeiten, egal wie bedeutend sie sein mögen, sich von dem, was da gesagt und geschrieben wurde, inspirieren lassen. Wie wäre es wohl, wenn die Menschen, die sich anschicken, unser Land zu regieren, das tun würden?

Das ist aber nicht alles. Vor einigen Wochen, habe ich von unserer Pfahlkonferenz in Leipzig einige Aussagen vom Präsidenten unserer Kirche, Russell M. Nelson, mitgenommen, die dankenswerterweise von Helmut Wondra (Vielen Dank!) aus Wien zitiert wurden. Sie beschreiben, wie diese geistige Arbeit aussehen sollte, damit tatsächlich eine Verbindung zu unserem Vater im Himmel durch das Wirken des Heiligen Geistes entstehen kann. Hier die Zitate mit ein paar Kommentaren (nicht fettgedruckt) von mir:

„Es wird in den künftigen Tagen nicht möglich sein, ohne den führenden, leitenden, tröstenden und steten Einfluss des Heiligen Geistes geistig zu überleben.
Ich bitte Sie inständig, Ihre geistige Fähigkeit, Offenbarung zu empfangen, auszubauen.
Entscheiden Sie sich, die geistige Arbeit zu leisten, die nötig ist, damit Sie sich der Gabe des Heiligen Geistes erfreuen können und die Stimme des Geistes häufiger und klarer vernehmen. …

Wie wir uns qualifizieren

Nichts öffnet den Himmel schneller als eine Kombination aus

  • vermehrter Reinheit, (es geht prinzipiell darum, wie rechtschaffen unsere Gedankenwelt und die daraus resultierenden Handlungen sind, wie stark sie in Einklang mit Gott sind)
  • exaktem Gehorsam, (exakt heißt nicht blind, es heißt aber definitiv nicht cherry picking – nur das zu wählen, was mir passt)
  • täglichem Weiden an den Worten von Christus im Buch Mormon (das schließt natürlich andere Schriften nicht aus, aber das Buch hat schon eine besondere Kraft)
  • einem regelmäßigen Termin, der für Tempelarbeit und Familienforschung reserviert ist. (das ist die Kraft, die Generationen verbinden kann)

Wie wir empfangen

  • Finden Sie einen ruhigen Ort, den Sie aufsuchen können.
  • Demütigen Sie sich vor Gott.
  • Schütten Sie vor dem Vater im Himmel ihr Herz aus. Wenden Sie sich an ihn, um Antworten und Trost zu finden.
  • Beten Sie im Namen Jesu Christi über ihre Sorgen, Ihre Ängste, Ihre Schwächen, ja, auch die Sehnsüchte Ihres Herzens.
  • Und dann hören Sie zu.
  • Notieren Sie sich die Gedanken, die Ihnen in den Sinn kommen. Schreiben Sie Ihre Gefühle auf
  • und setzen Sie das, was Ihnen eingegeben wird, in die Tat um.
  • Wenn Sie immer wieder so vorgehen, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, werden Sie in das Prinzip Offenbarung hineinwachsen.“

Wir betrachten Präsident Nelson als Prophet Gottes. Wenn wir uns in den Schriften sorgfältig anschauen, wie bereitwillig das Wort zeitgenössischer Propheten in ihren jeweiligen Epochen angenommen wurde, können wir sehen, dass die Menschen immer dann selektiv und oft feindselig damit umgegangen sind, wenn sie ihre persönlichen Vorlieben verletzt sahen. Wir lernen aus dieser Analyse aber auch, dass sich diese Menschen in der Regel aus Mangel an Weitsicht und einem Übermaß an Eigenstolz geirrt haben, oft mit dramatischen Folgen. Das sehen wir auch in der Gegenwart. Und es ist immer noch unklug.

Wir brauchen in diesen Zeiten ein viel größeres Maß an Weitsicht, damit wir komplexe Probleme nachhaltig bearbeiten und uns zuverlässiger vor Irrtümern, ideologischen Verbrämungen, der Ausbreitung von menschenverachtenden Verhaltensweisen oder abstruser Ignoranz schützen bzw. diesen entgegenwirken können. Dazu ist mehr und sorgfältigere intellektuelle und geistige Arbeit vonnöten.

Hiddensee – Ort zum Nachdenken

Letzte Woche hatten Esther und ich die Möglichkeit, wieder ein paar Tage auf der Insel Hiddensee zu verbringen. Wir haben dort ein Lieblingsrestaurant – das Essen ist sehr gut, die Bedienung freundlich und effizient, die Preise sind moderat. Nach einem schönen Abendessen bedankten wir uns beim Personal für das leckere Essen und den tollen Service. Wir waren sehr überrascht über die Reaktion. Die Leute bedankten sich bei uns und ergänzten dann: „Wenn ihr wüsstet, wie viele unmögliche Leute hierher kommen, die wegen absoluter Kleinigkeiten ein riesiges Fass aufmachen, ja sogar beleidigend werden.“

Das hatten wir dort nicht erwartet, aber leider hat sich inakzeptables Verhalten überall hin ausgebreitet und stellt Menschen, die damit konfrontiert werden, vor große Herausforderungen.

Der deutsche Philosoph Richard David Precht hat sich in seinem Buch „Von der Pflicht “ mit dem Phänomen der Entsolidarisierung in der Gesellschaft beschäftigt. Ich stimme sonst mit vielen seiner Meinungen nicht überein, aber seine Feststellung, dass sich viele Menschen immer mehr als „Kunden“ des Staates aufführen, die mit Vehemenz ihre Rechte einfordern, aber von Pflichten und Rechenschaftspflicht nichts mehr hören wollen, entspricht 100%ig den Tatsachen. Das betrifft nicht nur den Staat, sondern es ist Ausdruck einer Haltung, deren Basis Egoismus ist und die ihr Unwesen in allen Lebensbereichen treibt.

Auch innerhalb der Kirche bleiben wir leider von diesem Phänomen nicht verschont. Sicher haben wir es nicht in dem Ausmaß, aber die Welt färbt ab.

Der wahre Charakter eines Menschen zeigt sich bekanntlich dann, wenn eigene Erwartungen nicht erfüllt werden (können oder sollten) und man mit Enttäuschung umgehen muss oder eben auch mit dem eigenen Stolz. Er zeigt sich auch in der Art und Weise wie jemand zu Selbstreflexion fähig ist.

Wie hat es Jesus Christus so schön gesagt:

„Richtet nicht, damit ihr nicht auch gerichtet werdet!
Denn mit demselben Gericht (oder: Urteil), mit dem ihr richtet, werdet ihr wieder gerichtet werden, und mit demselben Maße, mit dem ihr messt, wird euch wieder gemessen werden.
Was siehst du aber den Splitter im Auge deines Bruders, während du den Balken in deinem eigenen Auge nicht wahrnimmst?
Oder wie darfst du zu deinem Bruder sagen: ‘Lass mich den Splitter aus deinem Auge ziehen’? und dabei steckt der Balken in deinem Auge!
Du Heuchler, ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge, dann magst du zusehen, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest.“

(siehe Neues Testament, Matthäus 7:1-5)

Genauso tragisch ist es, dass durch unreflektierte Kritik, häufig aus nichtigen Gründen, zwischenmenschliche Beziehungen verdorben, Positionen verhärtet, Lösungen erschwert werden und die seelische Gesundheit der Beteiligten strapaziert wird.

Jesus Christus hat weiterhin gesagt:

„Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euer himmlischer Vater sie auch euch vergeben;
wenn ihr sie aber den Menschen nicht vergebt, so wird euer Vater euch eure Verfehlungen auch nicht vergeben.”

(siehe Neues Testament, Matthäus 6:14-15)

Die Missachtung dieser beiden Prinzipien ist nicht nachhaltig. Sie produziert unweigerlich Probleme und führt zur Eskalation von Konflikten, die im schlimmsten Fall nicht mehr zu beherrschen sind.

Es ist nicht leicht, sich an die Lehren des Evangeliums in ihrem vollen Umfang zu halten und sich dem Druck säkularer Doktrin nicht zu beugen, insbesondere dann nicht, wenn sie mit dem 13. Glaubensartikel nicht in Einklang zu bringen ist. Wir neigen manchmal zu einer selektiven Anwendung, je nach eigenen Vorlieben und verfehlen damit den Punkt, dass Gottes Plan der Erlösung ganzheitlich und mit ewigen Perspektiven ausgestattet ist.

„Wir glauben, dass es recht ist, ehrlich, treu, keusch, gütig und tugendhaft zu sein und allen Menschen Gutes zu tun;  ja, wir können sagen, dass wir der Ermahnung des Paulus folgen – wir glauben alles, wir hoffen alles, wir haben viel ertragen und hoffen, alles ertragen zu können. Wenn es etwas Tugendhaftes oder Liebenswertes gibt, wenn etwas guten Klang hat oder lobenswert ist, so trachten wir danach.“
(Köstliche Perle, 13. Glaubensartikel)

Vor 43 Jahren hat der an Leukämie verstorbene Apostel Neal A. Maxwell an der Brigham Young University eine Rede gehalten, die den Titel „Meeting the Challenges of Today“ oder auf gut deutsch „Die Herausforderungen von heute meistern“ trägt und die man getrost in Hinblick auf die thematisierten Herausforderungen als prophetisch bezeichnen kann. Ich bin durch einen Beitrag in sozialen Medien darauf aufmerksam geworden. Die komplette Rede findet sich hier:

https://speeches.byu.edu/talks/neal-a-maxwell/meeting-challenges-today/

Eine vollständige Übersetzung der Rede würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, aber einige Passagen möchte ich an dieser Stelle noch einfügen:

„Zur Jüngerschaft gehört auch eine gute Staatsbürgerschaft; und wenn Sie in diesem Zusammenhang die Erklärungen der modernen Propheten aufmerksam studieren, wird Ihnen aufgefallen sein, dass mit wenigen Ausnahmen – vor allem, wenn die Erste Präsidentschaft sich geäußert hat – die geäußerten Bedenken moralische Fragen betrafen, nicht Fragen zwischen politischen Parteien. In den Erklärungen geht es um Prinzipien, nicht um Personen, und um Ursachen, nicht um Kandidaten. …

Aber täuschen Sie sich nicht, Brüder und Schwestern; in den kommenden Monaten und Jahren werden die Ereignisse von jedem Mitglied verlangen, dass es sich entscheidet, ob es der Ersten Präsidentschaft folgen wird oder nicht. Für die Mitglieder wird es schwieriger werden, länger zwischen zwei Meinungen zu verharren (siehe 1. Könige 18:21).

Präsident Marion G. Romney sagte vor vielen Jahren, dass er „nie gezögert hat, dem Rat der Autoritäten der Kirche zu folgen, auch wenn er mein gesellschaftliches, berufliches oder politisches Leben durchkreuzte“ (CR, April 1941, S. 123). Das ist eine harte Lehre, aber es ist eine besonders wichtige Lehre in einer Gesellschaft, die immer verruchter wird. Kurz gesagt, Brüder und Schwestern, sich des Evangeliums Jesu Christi nicht zu schämen, schließt ein, sich der Propheten Jesu Christi nicht zu schämen. Wir treten jetzt in eine Zeit unglaublicher Ironien ein. Lassen Sie uns nur eine dieser Ironien anführen, die sich noch in ihren subtilen Stadien befindet: Wir werden in unserer Zeit ein maximales, wenn auch indirektes Bemühen sehen, die Irreligion als Staatsreligion zu etablieren. Es ist tatsächlich eine neue Form des Heidentums, die die sorgfältig bewahrten und kultivierten Freiheiten der westlichen Zivilisation benutzt, um die Freiheit einzuschränken, während sie die Wertessenz unseres reichen jüdisch-christlichen Erbes ablehnt. …

In Ihrer Nachfolge könnte die Zeit kommen, in der religiöse Überzeugungen stark abgewertet werden. Auch M. J. Sobran beobachtete: „Eine religiöse Überzeugung ist jetzt eine Überzeugung zweiter Klasse, von der erwartet wird, dass sie respektvoll hinten in den säkularen Bus einsteigt und sich nicht darüber aufregt“ (Human Life Review, Sommer 1978, S. 58). Dieser neue irreligiöse Imperialismus versucht, bestimmte Meinungen von Menschen zu verbieten, nur weil diese Meinungen aus religiösen Überzeugungen erwachsen. Widerstand gegen Abtreibung wird bald als primitiv angesehen werden. Die Sorge um die Institution der Familie wird als unmodern und unaufgeklärt angesehen. In ihrer mildesten Form wird die Irreligion lediglich herablassend gegenüber denjenigen sein, die an traditionellen jüdisch-christlichen Werten festhalten. In ihren härteren Formen wird die säkulare Kirche, wie immer bei denjenigen, deren Dogmatismus blind macht, alles tun, um den Einfluss derjenigen zu verringern, die sich immer noch um Normen wie die der Zehn Gebote sorgen. Es ist immer ein so leichter Schritt vom Dogmatismus zum unfairen Spiel – besonders dann, wenn die Dogmatiker glauben, es mit primitiven Menschen zu tun zu haben, die nicht wissen, was das Beste für sie ist. …

Wenn wir eine säkulare, von traditionellen und göttlichen Werten entblößte Kirche entstehen lassen, wo sollen wir dann in den Krisen von morgen Inspiration finden? Können wir uns auf die Richtigkeit einer bestimmten Regelung berufen, um uns in den Stunden der Not zu unterstützen? Werden wir in der Lage sein, Schutz unter einem Ersten Zusatzartikel zu suchen, der bis dahin vielleicht verdreht wurde, um Irreligion zu begünstigen? Werden wir uns zur Gegenwehr auf die Werteerziehung in Schulsystemen verlassen können, die zunehmend säkularisiert sind? Und wenn unsere Regierungen und Schulen uns im Stich lassen, werden wir dann auf die Institution der Familie zurückgreifen können, wenn so viele säkulare Bewegungen versuchen, sie zu zerschreddern? …

Es kann gut sein, dass in unserer Zeit, in der wir „Schande für seinen Namen erleiden“ (Apostelgeschichte 5,41), ein Teil dieser besonderen Betonung aus dem Teil der Nachfolge erwächst, der die Staatsbürgerschaft beinhaltet. Denken Sie daran, dass wir, wie Nephi und Jakob sagten, lernen müssen, „die Kreuze der Welt“ (2 Nephi 9:18) zu ertragen und doch „die Schande [derselben]“ (Jakob 1:8) zu verachten. Sich weiterhin an die eiserne Stange zu klammern, trotz des Spottes und der Verachtung, die uns von den Menschenmassen in jenem großen und geräumigen Gebäude entgegenströmen, das Vater Lehi gesehen hat und das der „Stolz der Welt“ ist, heißt, die Schandtaten der Welt nicht zu beachten (1 Nephi 8:26-27, 33; 11:35-36). Parenthetisch gefragt: Warum – wirklich warum – beobachten die Ungläubigen, die dieses geräumige Gebäude säumen, so aufmerksam, was die Gläubigen tun? Sicherlich gibt es für die Verächter andere Dinge zu tun – es sei denn, tief in ihrem scheinbaren Desinteresse steckt ein Interesse. …

Wenn die Herausforderung der säkularen Kirche sehr real wird, lasst uns, wie in allen anderen menschlichen Beziehungen, prinzipientreu, aber angenehm sein. Lasst uns scharfsinnig sein, ohne pompös zu sein. Lasst uns Integrität haben und nicht mit unserer Zunge Schecks ausstellen, die unser Verhalten nicht einlösen kann. …“
(Übersetzung mit deepl.com, Anpassungen vom Verfasser)

Es braucht etwas Ruhe und Harmonie, um sich in diese Dinge vertiefen zu können. Aber es lohnt sich.

Ein Geburtstag

Heute am 5. Mai 2021 ist der 131. Geburtstag meiner Großmutter Klara Böhme. Ich musste heute aus mehreren Gründen an sie denken.

Da ich erst drei Jahre alt war, als sie verstarb, habe ich keine aktive Erinnerung an sie. Alles, was ich weiß, kommt aus den Erzählungen meiner Eltern, meiner älteren Geschwister und anderer Verwandter. In einem stimmen sie alle überein – niemand hat je in irgendeiner Weise in meiner Gegenwart negativ über sie gesprochen. Alle Berichte und Erinnerungen waren und sind voller Liebe zu einer einfachen, gläubigen Frau, die in ihrem Leben viel durchmachen musste.

Der zweite Grund hat mit der Pandemie, die wir erleben zu tun. Ich habe mal reflektiert, was eine Person wie meine Großmutter, die 1890 geboren wurde, alles erlebt hat: Kaiserreich, 1. Weltkrieg, Spanische Grippe Pandemie, Not und alle anderen wirtschaftlichen und politischen Turbulenzen nach dem Krieg, Inflation, Weltwirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Not, Machtergreifung der Nazis und Deutschlands dunkelstes Jahrzehnt, vor allem für Menschen, wie meine Großeltern, die für die Nazis nicht die geringsten Sympathien hegten und sich auch nicht von der Propaganda blenden ließen. Dann kam der 2. Weltkrieg mit all seinen furchtbaren Begleiterscheinungen und Nachwirkungen, Hungersnot, Unterernährung, Kommunismus – von dem sie sich ebenfalls nicht blenden ließ, der 17. Juni 1953, Ungarn 1956, die Errichtung der Mauer 1961. 1967 starb sie nach vielen Krankheiten und Entbehrungen. Man könnte meinen, dass dies kein schönes Leben gewesen sein kann, was mich jedoch zu meinem dritten Grund führt.

1925 traf meine Großmutter Missionare der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Die Botschaft der Missionare erfüllte ihr Herz und ihren Verstand und so wurde sie am 9. Juni 1925 zusammen mit meiner Urgroßmutter und einigen weiteren Familienmitglieder getauft. Sie war zu dieser Zeit hochschwanger mit meiner Mutter, die einige Wochen später geboren wurde. Aus dieser mutigen und konsequenten Entscheidung ist wunderbares entstanden. Dafür werde ich meiner Großmutter für immer dankbar sein. Ihr Glaube hat sie nicht nur durch alle Härten ihres Lebens getragen, sondern war auch eine solide Basis für viele ihrer Nachkommen.

Von ihrem Vorbild habe ich viel über die Verantwortung gelernt, die ich selbst für meine Familie, meine Kinder und Enkel habe. Ich lerne immer noch von ihr, wie man Sorgen und Probleme erträgt und seinen Überzeugungen und Glauben treu bleibt. Es wird der Tag kommen, an dem ich meiner Großmutter wieder begegnen werde und ihr für alles danken kann. Auf diesen Tag freue ich mich.