Schlagwort-Archive: Abendmahl

Was mir Gemeindeleben bedeutet

Vor einigen Wochen unternahm ich eine 32 km lange Wanderung durch das Tal der Zwickauer Mulde (siehe Fotos). Als Teil einer meiner Kirchenberufungen hatte ich kürzlich den Artikel eines Bruders aus Österreich gelesen, der in der Regionalen Umschau im Oktober-Liahona erscheinen wird. Darin geht es um einen interessanten Gedanken, der eng mit Wallfahrten verknüpft ist – nämlich, mit den Füßen zu beten. Meine Wanderung war zwar keine Wallfahrt aber meine Absicht war, mich dem Himmlischen Vater in der Natur zu nähern, um Hilfe und Weisung in einigen Fragen zu erhalten, die mich zur Zeit stark beschäftigen.

20200710_102048.jpg

Interessanterweise fiel es mir aber schwer, mich auf meine persönlichen Sorgen zu konzentrieren. Meine Gedanken gingen immer wieder in andere Richtungen. Ich spürte das Wirken des Heiligen Geistes, aber anstatt über mein turbulentes berufliches Umfeld, das in den letzten Monaten sehr aufreibend war, und eventuell anstehende Entscheidungen nachzusinnen, entwickelten sich andere Gedanken. Einer davon war, mich doch auf meinen Patriarchalischen Segen zu verlassen und mir weniger Sorgen um meine Karriere zu machen.

20200710_095949.jpg

Mir kamen andere Fragen in den Sinn, wie z.B.:
Was bedeuten dir dein Glaube und deine Kirche?
Wie kannst du deiner Gemeinde helfen, in dieser Krise zusammen zu wachsen? Verstehst du ausreichend, warum das wichtig ist?
Was bedeuten dir deine Familie und deine Gemeinde?
Wie kannst du das, was du weißt und deine Erfahrungen, besonders die geistigen, mit mehr Menschen teilen und sie einladen, zu Christus zu kommen und den Plan der Erlösung kennen zu lernen?
Verstehst du, warum das wichtig ist?
Was bedeuten dir deine Mitmenschen – unabhängig von Aussehen, Herkunft, Orientierung usw.?
Was bedeuten dir das Sühnopfer von Jesus Christus und die Erneuerung deiner Bündnisse jeden Sonntag beim Abendmahl?Viele Fragen, die in der Gesellschaft scheinbar einen immer geringeren Stellenwert einnehmen. Dabei ist ihre Bedeutung enorm wichtig – zumindest für Menschen, die nicht daran glauben können, dass der Mensch ein Zufallsprodukt ist oder aus dem Nichts kommt und nach seinen Lebensjahren wieder im Nichts verschwindet.Vor kurzem habe ich ein Zitat des verstorbenen Apostels Richard G. Scott gelesen: „Do not become so absorbed with trivial things that you miss learning the doctrine and teachings of the Lord“ (also sinngemäß übersetzt: Sieh zu, dass weniger wichtige Dinge nicht so sehr Besitz von dir ergreifen, so dass du es verpasst, die Lehren des Herrn zu lernen.)Je tiefer ich zum Beispiel über grundlegende Elemente meines Glauben, wie zum Beispiel den Plan der Erlösung nachdenke, umso klarer wird mir, wie großartig, nachhaltig und vollendet dieser Plan ist. Er ist nicht nur ein Stückwerk von guten Ideen oder Konzepten. Er umfasst unsere gesamte ewige Existenz, beginnend von unserer Präexistenz, über dieses Leben bis hin zu unserem Leben nach dem Tod, das ewig währen wird. Wie wichtig müsste es normalerweise sein, sich immer wieder den Stellenwert klar zu machen, so viel wie möglich darüber zu lernen und dann Kurskorrekturen vorzunehmen, die sowohl für die Gegenwart als auch die Zukunft (ohne zeitliche Begrenzung) richtungsweisend sind.In diesem Lernprozess haben die Familie und die Kirchengemeinde eine große Bedeutung. Eine der negativsten Auswirkungen von Covid-19 sind die Einschränkungen für das Gemeindeleben, die gemeinsame wöchentliche Gottesverehrung mit Gleichgesinnten, das soziale Miteinander und die gegenseitige Bereicherung durch unsere Diversität, den Austausch von Gedanken und einfach auch die Freude, Menschen, die einem am Herzen liegen, zu treffen. Meine Frau und ich waren sehr froh, als es wieder möglich war, Gottesdienste zu besuchen – wenn auch weiterhin mit vielen Einschränkungen. Wir haben die Möglichkeit geschätzt, zu Hause das Abendmahl zu nehmen und gelegentlich andere Gemeindemitglieder, die dazu keine Gelegenheit hatten, daran teilhaben zu lassen.Seit dem es aber wieder möglich ist, besuchen wir unsere Gemeinde. Wir können dort unsere Zeit und Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinde stellen. Ich habe es vermisst, als Organist zu dienen und freue mich, das ich jetzt dadurch wieder den Besuchern helfen kann, den Heiligen Geist zu spüren und sich auf das Abendmahl einzustimmen. Wir genießen es, Gleichgesinnte zu treffen und gemeinsam Andacht in einem Haus des Herrn zu halten. Wir empfinden das als überaus stärkend. Wir sind komfortabel mit dem Hygienekonzept, das konsequent befolgt wird und viel sicherer ist, als wenn wir uns z.B. in Supermärkten, Restaurants, im Bekanntenkreis oder in der Firma aufhalten. Heute hatte ich die Aufgabe, das Abendmahl zu segnen. Die Anwesenheit war beachtlich und somit dauerte das Austeilen des Abendmahls einen großen Teil des Gottesdienstes. Eine sehr gute Zeit in Ruhe; eine wunderbare Gelegenheit zur Selbstreflexion und zum Nachsinnen über die Bedeutung des Sühnopfers von Jesus Christus, um ein besseres Verständnis davon zu erlangen und Schlussfolgerungen für den eigenen Lebenswandel zu ziehen. Von mir aus hätte es noch länger dauern können.Es ist gut, dass alle, die gesundheitliche oder andere Bedenken bezüglich Covid-19 haben, auch weiterhin per Zoom an den Gottesdiensten teilnehmen können. Das ist zu respektieren. Ich halte es aber für sehr wichtig, dass wir die Bedeutung der Gemeinde und damit der Gemeinschaft nicht aus den Augen verlieren. In einer Welt, die immer stärker divergiert und sich polarisiert, bleiben wir nicht von diesen Phänomenen verschont, obwohl wir es besser wissen sollten (wenn man z.B. aufmerksam das Buch Mormon liest, speziell zur Zeit das Buch Helaman, wo eindrucksvoll beschrieben wird, wohin ein solches Auseinanderdriften im Endeffekt führt). Viele Gemeinden können mehr bewirken, mehr Wärme, Geborgenheit und Geistigkeit ermöglichen, wenn ALLE, die dahin gehen, mit dem Wunsch kommen, sich den gesellschaftlichen Fliehkräften unter denen die Welt siecht, nicht nur zu entziehen, sondern im Gegenteil, wirksam dazu beitragen, das gegenseitiges Verständnis, Vergebungsbereitschaft und Nächstenliebe stetig wachsen, so dass individuelle Unterschiede in unseren Charakteren, Befindlichkeiten und Gewohnheiten, nicht die Verwerfungen bewirken können, die sie heute noch zu oft anrichten. Um es mit den Worten meines Bruders Heiko, der heute eine sehr gute Ansprache gegeben hat, auszudrücken: „Ich denke, es wird immer wichtiger, sich nicht über die Missstände um uns herum zu beklagen, sondern ihnen durch gutes Verhalten zu begegnen. Eine Möglichkeit, anderen zu helfen und dabei selbst zu wachsen, ist wirksamer als die meisten Belehrungen, die wir schnell parat haben.Der Herr hat uns ganz klar den Auftrag gegeben, anders zu sein. Sein Evangelium gibt uns dazu die Werkzeuge in die Hand. Das Ziel kann nicht sein, dass es lediglich ein paar weniger Auseinandersetzungen und etwas weniger „Griesgrämisierung“ und Polarisierung als in der Welt unter uns gibt. Wir haben so viel zu geben, besonders die Dinge, die in unserem gesellschaftlichen Umfeld immer rarer werden. Die Gemeinden der Kirche können in Zukunft noch viel mehr ein Zufluchtsort für alle Menschen werden, die nicht miteinander streiten oder sich gegenseitig bekämpfen, sondern etwas erfahren und fühlen wollen, das der Seele wirklich nachhaltige Nahrung beschert. Wie man das erreichen kann, ist keine komplizierte Wissenschaft. Es hat vielmehr etwas mit Herzenswünschen und Haltung zu tun.Gemeinden können auch noch ein viel besserer Ort sein, wo unsere Lasten leichter werden. Ich habe das so oft erfahren dürfen. Das heißt nicht, dass wir Belastungen wegreden oder uns ein bequemes Evangelium schaffen, in dem es vorwiegend nach Beliebigkeit geht. Das wird in der Welt bereits ausreichend angeboten, ist aber mit Sicherheit nicht nachhaltig. Wir haben es nicht nötig, einzuknicken, wenn unser Glaube und unsere Werte in Frage gestellt werden. Es geht vielmehr darum, unserem Leben und unseren Bemühungen einen tieferen Sinn zu geben und die Perspektiven, die Gott für uns bereithält, besser zu verstehen. Damit können wir die Kraft tanken, die wir brauchen, um die Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen zu schultern und Probleme zu lösen. Schwierige zwischenmenschliche Beziehungen helfen dabei überhaupt nicht und machen Lasten oft viel schwerer, als sie eigentlich sind. Daher liegt es auf der Hand, dass die Funktion einer Gemeinde auch darin besteht, die Entwicklung wohltuender zwischenmenschlicher Beziehungen zu fördern. Das geschieht hauptsächlich durch unser eigenes Verhalten. Wir benötigen keinen Wettbewerb, wer am großartigsten ist oder am meisten im Vordergrund steht, sondern wir können unsere Energie getrost für mehr Demut und ungekünstelte Nächstenliebe verwenden.Meine Frau und ich sind dankbar für unsere Gemeinde und dass wir regelmäßig Gelegenheiten haben, einen Teil der guten Dinge, die wir empfangen, zurück zu geben. Vieles ist noch unvollkommen. Aber das macht nichts, so lange wir den Wunsch in uns tragen, Dinge zum Guten zu verändern und es auch tun.

Offenes Haus, Chorkonzert und Weihung

Letzte Woche haben wir unser Pfahlzentrum in der Oeserstraße in Leipzig nach mehr als eineinhalbjähriger Umbauzeit offiziell wieder eröffnet. Ab Dienstag war das Haus für jedermann offen, und es gab eine Vielzahl von Veranstaltungen. Ich kann an dieser Stelle leider nicht alle Aktivitäten erwähnen, die von vielen unserer Mitglieder organisiert und tatkräftig unterstützt wurden, sondern gebe nur einen kurzen Bericht über die Ereignisse, an denen ich beteiligt war.

Ich bin am Mittwochvormittag von einer Dienstreise aus Washington zurückgekommen, voller Vorfreude auf den Rest der Woche. Am Abend hatte ich dann ein Treffen mit meinen Ratgebern, unserem Missionspräsidenten, den Hohen Räten und Bischöfen. Es war für mich eine äußerst inspirierende Versammlung. Ich bin nach vielen Gesprächen, trotz Müdigkeit gegen Mitternacht sehr froh nach Hause gefahren.

20180908_181942

Am Freitag hatten wir einen Empfang mit den am Projekt beteiligten Architekten, bei dem ich die Gelegenheit hatte, unseren Dank für die gute Zusammenarbeit auszusprechen. Wie die Tage vorher, waren die Türen geöffnet mit Orgelmusik um 18 Uhr. Am Freitag war ich zum Orgelspielen eingeteilt, was mir wirklich ein Bedürfnis war. Ich habe in den letzten neun Jahren höchstens ein bis zwei Mal pro Jahr an der Orgel gesessen. Umso mehr habe ich die 45 Minuten genossen, obwohl ich technisch mangels Praxis schon etwas eingerostet bin. Ich fand es aber schön, dass etliche Passanten in der Kapelle saßen, einfach mit dem Bedürfnis nach Andacht und Ruhe. Auch zu diesem Zweck, haben wir das Gebäude erweitert und einladender gestaltet.

20180908_182441

Am Samstagabend fand das lang erwartete Chorkonzert unseres Pfahlchores unter der bewährten Leitung von Frank Heidler statt. Es war großartig und wurde mit Standing Ovations belohnt. Die mehr als 100-jährige Leipziger Tradition geistlicher Musik der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wird nun unter verbesserten Bedingungen im umgebauten Gotteshaus weitergeführt.

Nach dem Konzert hatte ich, im Auftrag der Gebietspräsidentschaft Europa der Kirche, das Vorrecht, das Gebäude wieder zu weihen und ein entsprechendes Gebet und einen Segen auszusprechen. Dies geschah im Rahmen eines kurzen Weihungsgottesdienstes. Es war für mich ein sehr emotionaler Moment.

20180908_182737

Am Sonntag war dann mein vierter Besuch im Leipzig, um in einem gemeinsamen Gottesdienst der beiden Leipziger Gemeinden zu sprechen. Der wichtigste Teil des Gottesdienstes war das Abendmahl. Die Andacht während des Abendmahls, das durch die vielen Anwesenden sehr lange dauerte, war beeindruckend und wohltuend. Die Musik war wunderbar. Herzlichen Dank auch an die beiden Bischöfe für ihre Botschaften. Ich werde meine Worte zu gegebener Zeit auf vielfältigen Wunsch auf dieser Plattform veröffentlichen.

20180908_182358

Abschließend möchte ich noch ein paar Gedanken anfügen. Ich bin glücklich mit dem Resultat der Rekonstruktion des Gebäudes. Es entspricht zum größten Teil den Bildern, die ich am 30. Dezember 2015 vor meinen geistigen Augen hatte, als ich die ersten Skizzen gemacht habe. Ich möchte allen danken, die in irgendeiner Form an der Realisierung des Projektes beteiligt waren und sich für das Gemeindeleben engagieren. Es gibt noch einige Dinge zu tun, aber das wird alles nach und nach erledigt werden.
Ich hoffe, dass alle, die dieses Gebäude betreten, sich darin bewegen und es nutzen, dies mit Dankbarkeit und Ehrfurcht vor unserem Vater im Himmel tun, die einem Gotteshaus gebührt.

Möge es immer ein Ort des Glaubens, der Rechtschaffenheit, des Friedens, der Ehrfurcht und des Lernens sein, eine Heimstatt für alle, die Christus suchen oder sich nach der Ruhe eines Gotteshauses sehnen – ganz gleich welcher Nationalität, Hautfarbe, Religion oder Weltanschauung sie sein mögen.

12. Juni 2016

Heute war ein besonderer und historischer Tag in der Geschichte der Kirche in Sachsen. In einem Sondergottesdienst wurden die Gemeinden Chemnitz und Hohenstein-Ernstthal reorganisiert.

Aus dem Zweig Hohenstein-Ernstthal wurde die Gemeinde Hohenstein-Ernstthal und ich hatte das Vorrecht, Danny Wagner als Bischof zu ordinieren und zu berufen.
Das Gemeindehaus in Chemnitz war mit mehr als 200 Mitgliedern und Besuchern voll besetzt.

IMG-20160612-WA0000

Der Gottesdienst war für mich eine sehr emotionale Zeit. Ich musste an viele Dinge denken. 1911 sind die ersten Mitglieder der Kirche aus Chemnitz nach Hohenstein-Ernstthal gekommen und haben missioniert. Wenige Jahre später wurde ein Zweig der Kirche gegründet. Die Mitglieder in beiden Städten waren immer eng miteinander verbunden.

Ich musste an hervorragende Menschen in Chemnitz denken, die mich geprägt haben: Henry Burkhardt und Gottfried Richter (siehe meinen Post vom 22.4.2016: https://thomashengst.com/2016/04/22/dank/) oder auch meine Seminar- und Institutslehrer als ich ein Teenager war – Detlef Sellner, Rudolf Renkewitz, Karl Kleinert und Roland Jentzsch. Einige von ihnen leben nicht mehr, aber vergessen werde ich sie nie.

Ich musste an Kurt Meyer denken, der ein Freund meines Vater war und mich nach meiner Taufe 1972 konfirmiert hat. Viele seiner Nachkommen gehören jetzt zu meiner Gemeinde, was mich sehr freut.

Das Segnen und Austeilen des Abendmahls hat mich heute ebenfalls besonders berührt. Es hat einige Zeit gedauert, über 200 Menschen am Abendmahl teilhaben zu lassen. Es war eine besondere Zeit, während der ich an die Begebenheit, die im Buch Mormon, im 3. Nephi Kapitel 11 geschildert wird, erinnert wurde. Als Jesus den Nephiten nach seiner Auferstehung erschien und die versammelte Menge einlud vorzutreten und seine Nägelmale zu berühren und zu wissen, dass Er wirklich das Sühnopfer vollbracht hat, in dessen  Gedenken wir jede Woche vom Abendmahl nehmen.

Ich musste auch an die Speisung der 5000 denken, die im Neuen Testament in Matthäus Kapitel 14 beschrieben wird. Jesus, der gerade von der Ermordung seines treuen Freundes und Wegbereiters Johannes dem Täufer erfahren hatte, wollte in seiner Trauer allein sein. Aber eine große Menge folgte ihm. Er hatte Mitgefühl für sie und heilte ihre Kranken und vollbrachte schließlich das Wunder der Speisung.

Wie lange mag es gedauert haben und was mögen die Menschen gefühlt haben, als sie darauf warteten, Jesus zu berühren oder dieses Wunder zu erleben? Daran zu denken, hat mich dankbarer für Jesus Christus gemacht.

Der neue Bischof Danny Wagner hat sich Knut Meyer und Gino Vogel als Ratgeber gewählt. Ich wünsche der neuen Bischofschaft Gottes Segen. Beiden Gemeinden wünsche ich eine gute und harmonische Zusammenarbeit im nun gemeinsam genutzten Kirchengebäude in Chemnitz, Stelzendorfer Straße 25. Es gibt viele großartige neue Möglichkeiten.

Ab Sonntag, den 19.6.2016 beginnt der Abendmahlsgottesdienst der Gemeinde Hohenstein-Ernstthal um 9:00. Die Gemeinde Chemnitz beginnt ihre Versammlungen um 11:00.

20160608_190747