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Wo wird mir Trost zuteil …

Diese Woche war ich auf einer Dienstreise, die mich von Hohenstein-Ernstthal über Dresden, Frankfurt, Washington, San Francisco, San Jose, Seoul, Incheon, München und wieder nach Hause geführt hat. So reizvoll das klingen mag – wenn man unterwegs ist, um Arbeit für mehrere Hundert Mitarbeiter zu beschaffen, ist das eine erhebliche physische und psychische Belastung. Ich hatte mehrere Phasen, wo ich mich völlig erschöpft gefühlt und mich gefragt habe, wie ich in den nächsten anstehenden Meetings mit Kunden meine Leistung abrufen kann. Es geht für mich nur mit der Hilfe des Himmlischen Vaters, dessen Einfluss ich verspüre, wenn ich mich ernsthaft darum kümmere und ihn zulasse.

Dieser Text dient für mich dazu, die Anstrengungen zu verarbeiten und aktive Recovery zu betreiben, aber vielleicht spendet er auch für den einen oder anderen etwas Trost.

Am späten Mittwochnachmittag vor dem Flug von San Francisco nach Korea (bei dem man durch das Überqueren der Datumsgrenze einen Tag verliert und erst am übernächsten Tag ankommt), hatte ich noch etwas Zeit und beschloss diese an der Pazifikküste zu verbringen, irgendwo zwischen Santa Cruz und Half Moon Bay. Ich wollte einfach Ruhe und Kraft finden; und Zeit zum Nachdenken. Ich liebe ab und zu die Einsamkeit in der Natur, mehr als die Hektik der Großstädte. Dabei sind ein paar Fotos entstanden, die ein bisschen den Abbau von Druck und Stress symbolisieren sollen.

Eine meiner besten Anschaffungen in den letzten anderthalb Jahren war das Deseret Bookshelf Plus Abo. Fantastisch. Großartige Bücher zum Anhören und Lesen. Letztens habe ich mich mit Bruce C. und Marie K. Hafen´s brillantem Buch „Faith Is Not Blind“ (Hörbuch) beschäftigt. Das werde ich mir ganz sicher als Hardcopy zulegen. Ein Must Read.
Davor habe ich Julie B. Beck´s Buch „Joy in the Covenant“ angehört, aus dem ich viel Energie gezogen habe – auch durch die Energie, die die Autorin ausstrahlt.

Für diese Woche hatte ich mir „Silent Souls Weeping“ von Jane Clayson Johnson heruntergeladen, ein Buch, das sich mit der Gesundheit der menschlichen Seele beschäftigt. Ich bin halb durch und empfand das Buch bisher als sehr einfühlsam geschrieben und äußerst bereichernd. Ich habe wieder viel dazugelernt, über das weite Feld mentaler Gesundheit – sowohl aus der Sicht Betroffener als auch ihrer Angehörigen. Wir müssen hier noch so viel lernen und vor allem auch Zustände in unserer Gesellschaft ändern, die wesentlich dazu beitragen, dass Seelen in einer Art und Weise leiden, die von außen nur schwer zur verstehen ist und deshalb eines Umdenkens im Umgang miteinander bedarf.

Jane Clayson Johnson erzählt die Geschichten von 150 Betroffenen (einschließlich sie selbst) mit klinischer Depression und anderen Formen mentaler Krankheiten. Es geht um Stigmata, Isolation, die Gefahren von Perfektionismus, Suizidgefahr, Hoffnungslosigkeit und Hoffnung, Unverständnis und Verständnis, unwirksame und wirksame Unterstützung, Trost und vieles andere.

In diesen Geschichten gibt es immer wieder die dringende Bitte, den Dialog bezüglich mentaler Krankheiten zu ändern, insbesondere auch unter Heiligen der Letzten Tage, die darum kämpfen, Krankheiten, die sich durch ungeheure Sorgen manifestieren, mit dem Plan der Erlösung und des Glücklichseins in Einklang zu bringen.

Die Autorin schreibt, dass der schlimmste Teil von Depression eine profunde Isolation ist, nicht nur vom Einfluss des Heiligen Geist, sondern auch von der Familie, Freunden und dem Gemeinwesen. Das Teilen dieser Geschichten ist ein wichtiger Schritt, um solche Isolationen zu lindern oder zu beenden.

Ein Kapitel hat mich auf einem der Flüge diese Woche besonders berührt. Es ist die Geschichte eines Kirchenliedes, das ich sehr liebe (steht ziemlich weit oben in meinen Kirchenlied-Charts 😊) und oft vor den Gottesdiensten auf der Orgel spiele. Ich hatte mich in der Vergangenheit mehr auf die Noten als auf den Text konzentriert. Es lohnt sich aber, auch im Lichte der Entstehung des Liedes, den Text genauer zu betrachten.

Wo wird mir Trost zuteil
Text: Emma Lou Thayne
Musik: Joleen G. Meredith

Wo wird mir Trost zuteil, wo find ich Frieden,
wenn keine Hilfe da, mich zu befrein,
wenn meinem wunden Herz Kummer beschieden
und ich mich ganz verlier in Seelenpein?

Wohin soll fliehen ich, wenn Schmerzen plagen?
Wer nimmt die Qual von mir, wer lindert Not?
Wer hilft mit starker Hand Zweifel verjagen?
Wer kann verstehen mich? Nur du, mein Gott.

Du weißt die Antwort, Herr, stillst mein Verlangen,
kennst mein Gethsemane, wo ich geweint;
führst mich zum Friedensquell, nimmst alles Bangen,
heilest mich liebevoll, du Herr, mein Freund.

Originaltext:
Where can I turn for peace? Where is my solace
when other sources cease to make me whole?
When with a wounded heart, anger or malice,
I draw myself apart, searching my soul?

Where, when my aching grows, where, when I languish,
where, in my need to know, where can I run?
Where is the quiet hand to calm my anguish?
Who, who can understand? He, only One.

He answers privately, reaches my reaching
in my Gethsemane, Savior and Friend.
Gentle the peace he finds for my beseeching.
Constant he is and kind. Love without end.

Sister Thayne und Sister Meredith, die beide im Young Women´s General Board der Kirche tätig waren, erhielten 1971 den Auftrag für eine besondere Konferenz der Jungen Damen ein Lied zu schreiben. Beide befanden sich zu dieser Zeit unter schwierigen persönlichen Umständen.

Siehe https://www.ldsdaily.com/personal-lds-blog/inspiring-true-story-behind-lds-hymn-can-turn-peace/

Neben vielen anderen Sorgen und Problemen hatten sowohl Sister Meredith als auch eine Tochter von Sister Thayne mit mentalen Krankheiten zu kämpfen. Das Lied war für sie eine geistige Befreiung von Lasten. Liebevoll nannten sie es „mental illness hymn“.

1985 wurde das Lied in das offizielle Gesangbuch der Kirche aufgenommen und ist seit dem ein Licht der Hoffnung für viele, die in ihrer Seele leiden müssen.

 

Hiddensee

Jedes Jahr verbringe ich mit meiner Frau ein paar Tage auf der Insel Hiddensee.
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Es grenzt schon an Zelebration – Auto in Schaprode abstellen, bepackt zum Fährhafen laufen, Fähre nach Vitte nehmen, Fahrräder ausleihen und sich dann zum Quartier durchschlagen. Wir lieben die Atmosphäre dort, die Natur und die Ruhe.
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Du siehst Leute, die ihr Gepäck in zweirädrigen Handkarren schieben oder die Fahrradlenker mit Reisetaschen behängen. Die dazu keine Lust haben, gehen zu Fuss oder lassen sich vom Pferdewagen abholen. Damit ist das Tempo auf Hiddensee definiert. Die schnellsten sind einheimische Rentnerinnen mit E-Bikes. Irgendwie tickt die Zeit dort noch etwas anders, gemächlicher. Wir können dort ganz wunderbar entspannen.
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Mit den Jahren entwickelt man an solchen Orten bestimmte Rituale. Das sind kleine, unspektakuläre Dinge, die für besondere Glücksgefühle sorgen. Zum Beispiel mit dem Rad über die holprigen Betonplatten zum Enddorn fahren und am Strand wandern, gucken was sich seit dem letzten Jahr verändert hat, auf der „Shoppingmeile“ in Kloster flanieren, die Stufen der Treppe vom Strand hoch zum Klausner zählen, Grillfest samstags in der Heiderose, natürlich den Leuchtturm hoch und nach Dänemark schauen, das Haus in dem Albert Einstein mal gewohnt hat entdecken, frischen Fisch essen, Softeis am Hafen in Neuendorf oder einfach nur am Meer sitzen und lesen. Und vieles mehr. Herrlich.
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Wir meiden die Saison und fahren entweder Pfingsten oder dieses Jahr spät im Oktober mit Tochter und Enkelin. Habe früh beim Joggen zwischen Vitte und Kloster höchstens ein, zwei Leute getroffen. Ein verlängertes Wochenende reicht uns schon, um den Erholungseffekt zu spüren.
In Vitte gibt es eine kleine Buchhandlung, in der wir uns jedes Jahr mindestens ein Buch kaufen. Der Raum hat Wohnzimmergröße. Es gibt keine Kasse. Eine ältere Dame schreibt alle Einnahmen und Buchtitel in ein Heft.  Mehrere Artikel werden schriftlich zusammengerechnet. Da muss man einfach hin. Dieses Jahr habe ich mir die Biographie von Marie Curie, geschrieben von ihrer Tochter Eve gekauft. Physik und Chemie gehörten in Schule und Studium zu meinen Lieblingsdisziplinen, wobei mich die Lebensgeschichten vieler Forscher genauso interessiert haben, wie die Naturwissenschaften. Das Buch hat mich enorm beeindruckt. Ich kannte Marie Curie´s Geschichte schon ein bisschen, aber das ganze Ausmaß ihrer Leistungen, Hingabe und Selbstlosigkeit, ihr völliges Desinteresse an Ruhm und Ehre, die Kongenialität mit ihrem Mann Pierre und die Trägödie seines frühen Todes sowie ihr Genie und das tatsächliche Ausmaß ihrer Entdeckungen sind mir erst jetzt bei der Lektüre des Buches klar geworden.
Ich freue mich jetzt schon auf nächstes Jahr – auf den Buchladen und die vielen anderen kleinen, speziellen Dinge auf dieser besonderen Insel, wo es keiner Ferienanimationen bedarf und die meisten Leute völlig entspannt sind 🙂
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Gerhart Hauptmann über Hiddensee – wie wahr 🙂