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Während des Lockdowns

Vor kurzem habe ich in einem Hörbuch diesen Spruch gehört: „Fokussiere dich nicht zu sehr auf das Schlechte, damit du das Gute nicht übersiehst.“
Eine gute Aussage in diesen Zeiten, wo negative Schlagzeilen in endloser Folge auf uns einströmen.

Wenn man, wie wir, in einem Corona-Hotspot (Sachsen) wohnt und leider immer noch ein erschreckendes Maß an Unvernunft sieht, fällt es nicht leicht, der aktuellen Lage viel Gutes abzugewinnen. Dennoch gibt es viel mehr Gutes zu entdecken, wenn man es denn will.

Ich finde es gut, dass es viele Menschen gibt, die sich konsequent an die AHA-Regeln halten, weil sie sowohl intellektuell als auch emotional begriffen haben, dass es einer entschlossenen, gemeinsamen gesellschaftlichen Anstrengung bedarf, um irgendwann aus dieser Pandemie heraus zu kommen (nein, es hängt eben nicht nur an Impfungen). Ich bewundere Länder, die zu solchen gemeinsamen Anstrengungen fähig sind und die erforderliche Disziplin aufbringen, z.B. Taiwan (etwas mehr als 800 Fälle und 7 Todesfälle – nein, nicht pro Tag oder pro Woche, sondern insgesamt seit Ausbruch der Pandemie). Natürlich bringen Zweifler alle möglichen Argumente dagegen vor, verfehlen aber damit das Thema. Mag sein, dass ein Inselstaat besser kontrollieren kann, wer ein- und ausreist, aber das ist nicht wirklich der Punkt. Ich war beruflich ungefähr 90 mal in Taiwan und habe Land und Leute recht gut kennengelernt. Taiwan hat mehr als 23 Millionen Einwohner und eine fast dreimal so hohe Bevölkerungsdichte wie Deutschland. Es ist eine sehr lebendige Demokratie, in der die Leute rege Gebrauch von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung machen. Es gibt aber insgesamt eine viel deutlicher ausgeprägte Einstellung im größten Teil der Bevölkerung, auf Bedrohungen und Gefahren von außen mit Einsicht und Disziplin zu reagieren und sich an Anweisungen, die alle schützen sollen, zu halten. Ich habe das etliche Male miterlebt, wenn z.B. ein Taifun im Anmarsch war oder die Erde gewackelt hat. Die Regierung hat sehr schnell unpopuläre Maßnahmen ergriffen und diese auch konsequent durchgesetzt hat. Dadurch waren zwar einige hunderttausend Menschen signifikant (jedoch nur temporär) betroffen, aber dafür herrscht seit Monaten für alle eine viel größere Normalität als bei uns, wie die Zahlen beweisen. Ich finde, daran sollten wir uns durchaus mehr orientieren und zwar jeder persönlich.

Es hat eine gewisse Tragik, dass wachsende Teile unserer Gesellschaft immer stärker divergieren (wie man jetzt in den USA ganz krass und bei uns in Ansätzen sehen kann), obwohl es angesichts der vielen anstehenden und auch in Zukunft zu erwartenden Probleme (und Covid-19 ist ja nur eines davon) viel besser wäre, diesen Trend umzukehren und Gemeinsamkeiten auf der Basis nachhaltiger Werte zu suchen und zu leben.

Das heißt nicht, dass wir unsere Augen vor Missständen, Ungerechtigkeiten und Irrtümern verschließen sollen. Wir müssen aber lernen, wieder rationaler und ausgeglichener mit Unterschieden umzugehen. Das beginnt schon damit, welchen Stellenwert das Positive gegenüber dem Negativen in unseren Wahrnehmungen einnimmt. In den Medien sind negative Berichte und ihre Interpretationen ganz klar und mittlerweile auf sozial ungesunde Weise überrepräsentiert. Man muss deutlich intensiver suchen, um Gutes zu finden.
Allerdings stellen Medien das dar, was die Mehrzahl der Konsumenten sehen, hören oder lesen will. So lange sich das nicht verändert, wird uns dieses Ungleichgewicht erhalten bleiben. Es ist wichtig, dass wir möglichst objektiv erfahren, was in der Welt alles nicht in Ordnung ist. Noch wichtiger wäre es aber, mit einem Anteil von deutlich über 50% darzustellen, welche guten, großartigen und inspirierenden Dinge in der Welt vollbracht werden. Wir brauchen viel mehr Einflüsse, die die Sozialkompetenzen der Menschen erweitern und eine Rückbesinnung auf Werte fördern, die es für ein friedliches und solidarisches Zusammenleben braucht. Man stelle sich zum Beispiel Nachrichtensendungen auf allen möglichen Kanälen vor, die sich dieses Prinzip zu eigen machen.

Leute, die alles kritisieren, was ihnen vor die Füße fällt, ohne selbst konstruktive und konsensfähige Verbesserungsvorschläge zu machen und die sich an Konflikten weiden, haben wir im Moment genug. Ich wünschte, das wenigstens ein Teil der Energie, die aufgebracht wird, dafür verwendet würde, Gräben zwischen den Menschen zu überbrücken und das Positive in den Vordergrund zu stellen. Destruktive Kritik hat noch nie nachhaltige Verbesserungen durch Herzensänderungen bewirkt. Destruktive Kritik kümmert sich nicht um Zusammenhänge oder das big picture. Destruktive Kritiker lieben es, sich ein Steckenpferd zu wählen, in dem sie sich kompetent fühlen, reißen es aus dem größeren Kontext und erzeugen vor allem eines – Unfrieden. Das bringt uns nicht weiter.

Mir hat gefallen, wie sich Präsident Russell M. Nelson zur letzten Generalkonferenz im Oktober 2020 zu den gesellschaftlichen Veränderungen in der Welt kurz und prägnant geäußert hat:

„Die Herausforderung für Sie und mich besteht darin, dafür zu sorgen, dass jeder von uns sein göttliches Potenzial verwirklicht. Heutzutage hört man oft von einem „neuen Normalzustand“. Wenn Sie einen neuen Normalzustand wirklich annehmen wollen, bitte ich Sie, Ihr Herz, Ihren Sinn und Ihre Seele zunehmend dem Vater im Himmel und seinem Sohn Jesus Christus zuzuwenden. Lassen Sie dies zu Ihrem neuen Normalzustand werden.
Nehmen Sie Ihren neuen Normalzustand an, indem Sie jeden Tag umkehren. Bemühen Sie sich darum, in Gedanken, Wort und Tat immer reiner zu werden. Dienen Sie anderen geistlich. Richten Sie Ihren Blick stets auf die Ewigkeit. Machen Sie Ihre Berufungen groß. Und leben Sie trotz aller Herausforderungen, meine lieben Brüder und Schwestern, jeden Tag so, dass Sie besser vorbereitet sind, vor Ihren Schöpfer zu treten.“

Das ist reichlich Stoff zum Nachdenken.