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Den „Swing“ finden

In ihrer Ansprache zur vorletzten Generalkonferenz im Oktober 2020 erwähnte Sister Sharon Eubank („Sind wir in unseren Empfindungen eins, erlangen wir Kraft durch Gott“ – https://www.churchofjesuschrist.org/study/general-conference/2020/10/31eubank?lang=deu) ein Buch, das meine Neugier weckte. Es schildert den Werdegang von neun jungen Männern aus sehr einfachen Verhältnissen im äußersten Nordwesten der Vereinigten Staaten in den 1930er Jahren, der sie schließlich zu einem historischen Olympiasieg in der Königsdisziplin des Ruderns in Berlin im Jahr 1936 führte.

„The Boys in the Boat“ oder in der deutschen Übersetzung „Das Wunder von Berlin“ von Daniel James Brown gehört zu den wichtigen und wertvollen Büchern, die von vielen Menschen – vor allem aber auch von jungen Leuten, die heutzutage Probleme haben, sich in einer immer komplexeren Welt zu orientieren, gelesen werden sollten.

In den letzten Wochen bin ich beim Lesen des Buches mit den Protagonisten des Buches sehr vertraut geworden – dem genialen Steuermann Bobby Moch, dem Schlagmann Don Hume, der während der Olympiade so krank war, dass er unter normalen Umständen nicht hätte antreten können, Roger Morris, Shorty Hunt, Stub McMillan, Chuck Day, Gordy Adam, Johnny White, dem legendären Trainer Al Ulbrickson, dem weltberühmten Bootsbauer George Pocock und nicht zuletzt der Hauptperson des Buches, Joe Rantz, dessen Geschichte ich als besonders bewegend und beeindruckend empfinde.

Sister Eubank zitierte in ihrer Ansprache eine Passage aus dem Buch, in der beschrieben wird, wie die Jungs nach Jahren harter körperlicher Arbeit, aber auch hervorragender Persönlichkeitsbildung zu einer Harmonie gelangten, wodurch sie Rennen für Rennen gewannen – scheinbar nach Belieben und oft mit weniger Anstrengung als ihre Konkurrenten. Diese Harmonie wird im Rudern „Swing“ genannt. In Ermangelung eines geeigneten deutschen Wortes wurde dieser Zustand als „das perfekte Dahingleiten“ übersetzt.

Das olympische Finale gewannen sie zwar nur hauchdünn, aber der Nachteil der Außenbahn, die ihnen von den Veranstaltern ungerechterweise zugeteilt worden war, wog ein bis zwei Bootslängen schwer, die sie im Rennen wettzumachen hatten – mit einem schwer erkälteten Schlagmann.

Zitat:

„Manchmal geschieht etwas, was man nicht oft erreicht und was sich nur schwer beschreiben lässt: das perfekte Dahingleiten. Das gelingt nur, wenn alle in vollendetem Einklang rudern und jeder Handgriff synchron ist.

Die Ruderer müssen ihren starken Unabhängigkeitsdrang zügeln und gleichzeitig an ihren individuellen Fähigkeiten festhalten. Klone gewinnen kein Rennen. Die gute Mischung macht eine gute Mannschaft aus: Einer gibt die Kommandos, einer verfügt über Kraftreserven, einer kämpft bis zum Umfallen, einer ist der Ruhepol. Kein Ruderer ist wichtiger als der andere, sie alle werden im Boot gebraucht. Doch wenn sie gut zusammen rudern wollen, müssen sie sich gegenseitig auf das, was sie brauchen und können, einstellen: Wer kürzere Arme hat, streckt sich ein wenig mehr; wer längere Arme hat, streckt sich nicht gar so sehr.

Unterschiede können sich als Vorteil erweisen statt als Nachteil. Nur dann kommt es einem so vor, als gleite das Boot wie von allein übers Wasser. Nur dann weicht der Schmerz vollends dem Hochgefühl. Das perfekte Dahingleiten hat etwas von Poesie.“

Wie wünschenswert ist das in einer Gesellschaft, deren Gemeinschaftsgefühl durch eine zunehmend egozentrische Weltanschauung beschädigt wird. Wie wichtig wären die im Buch erwähnten Werte für die Bewältigung von Krisen, ohne in Hysterien zu verfallen, die wir jetzt gerade erleben.

Ich könnte sehr viel aus dem Buch zitieren, aber man sollte es am besten selbst lesen und schauen, was man daraus lernen kann.

Mir gefällt auch sehr, wie der Autor mit dem Naziregime abrechnet und der heutigen Generation klar zeigt, wie sorgfältig so viele Menschen damals getäuscht wurden und wie einfältig sie dieser teuflischen Weltanschauung folgten. Schon allein deshalb ist das Buch ein Must-Read.

Ein Zitat möchte ich aber noch anfügen. Es gibt einen Teil der Antwort auf die Frage, wie diese einfachen Jungen, die allesamt – besonders aber Joe Rantz – mit ihren Familien von den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre schwer getroffen wurden, etwas so Großes erreichen konnten:

„… Die Jungs hatten einen mörderisch anstrengenden Auslesewettbewerb durchlaufen, und dabei hatte sich eine Art gemeinsamer Charakter herausgebildet. Sie beherrschten ihr Handwerk, sie waren zäh, und sie besaßen einen eisernen Willen, waren zugleich aber auch liebenswerte Menschen. Sie stammten alle aus einfachen Verhältnissen oder hatten in den harten Zeiten, in denen sie aufgewachsen waren, gelernt, sich zu bescheiden. Jeder hatte auf seine Weise erfahren, dass in diesem Leben nichts selbstverständlich war, dass in der Welt Kräfte wirkten, die trotz ihrer Kondition, ihres guten Aussehens und ihrer Jugend stärker waren als sie. Die Herausforderungen, denen sie sich gestellt hatten, hatten sie Demut gelehrt, die Notwendigkeit, das eigene Ich dem Boot als Ganzem unterzuordnen, und Demut war das Tor, durch das sie jetzt gehen konnten, um gemeinsam etwas zu schaffen, das ihnen bisher noch nicht gelungen war.“ (Hervorhebungen von mir)

Das englische Original finde ich noch eindrücklicher: