Gestern hatte ich die Gelegenheit, den Jugendlichen der Pfähle Berlin, Dresden und Leipzig zu erzählen, wie mich Musik in meinem Leben begleitet und geprägt hat.
Als ich 6 Jahre alt war, schenkten mir meine Eltern eine Mundharmonika, mit 12 wurde ich zum Organisten in unserer Gemeinde berufen, was enormen Einfluss auf meine spirituelle Entwicklung und meine Überzeugungen hatte. Mit 15 habe ich angefangen, Gitarre zu lernen. Mit 16 haben wir eine Band gegründet.
Wir hatten eine tolle Zeit, haben nur auf Jugendtagungen der Kirche gespielt und alle anderen Angebote, die es auch gab, abgelehnt.
Dann kam eine Zeit mit anderen Prioritäten – Studium, Ehe und Familie, Kirchenberufungen, Karriere etc. – und keine Zeit mehr für eine Band. Musik war aber sehr wichtig in unserer Familie. Wir haben allen unseren Kindern die Chance gegeben, Musikinstrumente zu lernen. Kürzlich war mein schönstes Geburtstagsgeschenk, dass unsere 7-jährige Enkelin ihren ersten Geigenunterricht hatte. Ich hoffe, sie wird dabei bleiben. Jetzt hole ich die Gitarre nur noch 3-4 mal im Jahr raus.
Mit 55 habe ich nochmal mit einem neuen Instrument angefangen – dem Cello, eine große aber wunderbare Herausforderung, die mir sehr viel innere Balance gibt. Musik war und ist für mich ein ganz wichtiger Bestandteil meiner Beziehung und Nähe zu Gott. Einige meiner wertvollsten Lebenserfahrungen habe ich beim Musizieren gemacht.
In ihrer Ansprache zur vorletzten Generalkonferenz im Oktober 2020 erwähnte Sister Sharon Eubank („Sind wir in unseren Empfindungen eins, erlangen wir Kraft durch Gott“ – https://www.churchofjesuschrist.org/study/general-conference/2020/10/31eubank?lang=deu) ein Buch, das meine Neugier weckte. Es schildert den Werdegang von neun jungen Männern aus sehr einfachen Verhältnissen im äußersten Nordwesten der Vereinigten Staaten in den 1930er Jahren, der sie schließlich zu einem historischen Olympiasieg in der Königsdisziplin des Ruderns in Berlin im Jahr 1936 führte.
„The Boys in the Boat“ oder in der deutschen Übersetzung „Das Wunder von Berlin“ von Daniel James Brown gehört zu den wichtigen und wertvollen Büchern, die von vielen Menschen – vor allem aber auch von jungen Leuten, die heutzutage Probleme haben, sich in einer immer komplexeren Welt zu orientieren, gelesen werden sollten.
In den letzten Wochen bin ich beim Lesen des Buches mit den Protagonisten des Buches sehr vertraut geworden – dem genialen Steuermann Bobby Moch, dem Schlagmann Don Hume, der während der Olympiade so krank war, dass er unter normalen Umständen nicht hätte antreten können, Roger Morris, Shorty Hunt, Stub McMillan, Chuck Day, Gordy Adam, Johnny White, dem legendären Trainer Al Ulbrickson, dem weltberühmten Bootsbauer George Pocock und nicht zuletzt der Hauptperson des Buches, Joe Rantz, dessen Geschichte ich als besonders bewegend und beeindruckend empfinde.
Sister Eubank zitierte in ihrer Ansprache eine Passage aus dem Buch, in der beschrieben wird, wie die Jungs nach Jahren harter körperlicher Arbeit, aber auch hervorragender Persönlichkeitsbildung zu einer Harmonie gelangten, wodurch sie Rennen für Rennen gewannen – scheinbar nach Belieben und oft mit weniger Anstrengung als ihre Konkurrenten. Diese Harmonie wird im Rudern „Swing“ genannt. In Ermangelung eines geeigneten deutschen Wortes wurde dieser Zustand als „das perfekte Dahingleiten“ übersetzt.
Das olympische Finale gewannen sie zwar nur hauchdünn, aber der Nachteil der Außenbahn, die ihnen von den Veranstaltern ungerechterweise zugeteilt worden war, wog ein bis zwei Bootslängen schwer, die sie im Rennen wettzumachen hatten – mit einem schwer erkälteten Schlagmann.
Zitat:
„Manchmal geschieht etwas, was man nicht oft erreicht und was sich nur schwer beschreiben lässt: das perfekte Dahingleiten. Das gelingt nur, wenn alle in vollendetem Einklang rudern und jeder Handgriff synchron ist.
Die Ruderer müssen ihren starken Unabhängigkeitsdrang zügeln und gleichzeitig an ihren individuellen Fähigkeiten festhalten. Klone gewinnen kein Rennen. Die gute Mischung macht eine gute Mannschaft aus: Einer gibt die Kommandos, einer verfügt über Kraftreserven, einer kämpft bis zum Umfallen, einer ist der Ruhepol. Kein Ruderer ist wichtiger als der andere, sie alle werden im Boot gebraucht. Doch wenn sie gut zusammen rudern wollen, müssen sie sich gegenseitig auf das, was sie brauchen und können, einstellen: Wer kürzere Arme hat, streckt sich ein wenig mehr; wer längere Arme hat, streckt sich nicht gar so sehr.
Unterschiede können sich als Vorteil erweisen statt als Nachteil. Nur dann kommt es einem so vor, als gleite das Boot wie von allein übers Wasser. Nur dann weicht der Schmerz vollends dem Hochgefühl. Das perfekte Dahingleiten hat etwas von Poesie.“
Wie wünschenswert ist das in einer Gesellschaft, deren Gemeinschaftsgefühl durch eine zunehmend egozentrische Weltanschauung beschädigt wird. Wie wichtig wären die im Buch erwähnten Werte für die Bewältigung von Krisen, ohne in Hysterien zu verfallen, die wir jetzt gerade erleben.
Ich könnte sehr viel aus dem Buch zitieren, aber man sollte es am besten selbst lesen und schauen, was man daraus lernen kann.
Mir gefällt auch sehr, wie der Autor mit dem Naziregime abrechnet und der heutigen Generation klar zeigt, wie sorgfältig so viele Menschen damals getäuscht wurden und wie einfältig sie dieser teuflischen Weltanschauung folgten. Schon allein deshalb ist das Buch ein Must-Read.
Ein Zitat möchte ich aber noch anfügen. Es gibt einen Teil der Antwort auf die Frage, wie diese einfachen Jungen, die allesamt – besonders aber Joe Rantz – mit ihren Familien von den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre schwer getroffen wurden, etwas so Großes erreichen konnten:
„… Die Jungs hatten einen mörderisch anstrengenden Auslesewettbewerb durchlaufen, und dabei hatte sich eine Art gemeinsamer Charakter herausgebildet. Sie beherrschten ihr Handwerk, sie waren zäh, und sie besaßen einen eisernen Willen, waren zugleich aber auch liebenswerte Menschen. Sie stammten alle aus einfachen Verhältnissen oder hatten in den harten Zeiten, in denen sie aufgewachsen waren, gelernt, sich zu bescheiden. Jeder hatte auf seine Weise erfahren, dass in diesem Leben nichts selbstverständlich war, dass in der Welt Kräfte wirkten, die trotz ihrer Kondition, ihres guten Aussehens und ihrer Jugend stärker waren als sie. Die Herausforderungen, denen sie sich gestellt hatten, hatten sie Demut gelehrt, die Notwendigkeit, das eigene Ich dem Boot als Ganzem unterzuordnen, und Demut war das Tor, durch das sie jetzt gehen konnten, um gemeinsam etwas zu schaffen, das ihnen bisher noch nicht gelungen war.“ (Hervorhebungen von mir)
Das englische Original finde ich noch eindrücklicher:
Zwischen den Generalkonferenz Sessionen hatte ich heute morgen wieder die Gelegenheit, das Wort zum Tage auf Deutschlandradio Kultur zu sprechen. Die Aufnahme in Berlin letzte Woche war eine schöne Erfahrung – vor allem wegen der überaus freundlichen und hilfsbereiten Menschen, die ich beim Sender treffen durfte. Ein herzliches Dankeschön an die Regisseurin und allen, die sichtbar oder unsichtbar beteiligt waren.
Hier ist der Link zum Audio-Archiv des Senders für alle, die sonntags nicht so zeitig aufstehen mögen. Ihr habt bis 2038 Zeit, es euch anzuhören. 🙂
Für diejenigen, die lieber lesen, folgt hier der Text:
„Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,
eine der für mich ergreifendsten Szenen im Neuen Testament, ist die Begegnung von Maria Magdalena mit dem auferstandenen Jesus Christus an jenem Ostersonntagmorgen vor fast 2000 Jahren. Immer wenn ich die Verse im Johannes Evangelium (siehe Kapitel 20) lese, stelle ich mir die unendliche Freude vor, die Maria erfasste, als sie Jesus, um den sie sehr getrauert hatte, schließlich erkannte. In diesem Moment verstand sie endlich genau, dass alles eingetroffen war, wovon er viele Male vorher gesprochen hatte.
Für mich persönlich sind die Ereignisse, derer wir zu Ostern gedenken, der Inbegriff einer Hoffnung und eines Glaubens, die mich durch viele Herausforderungen in meinem Leben getragen haben.
Zu Ostern wird sehr viel über die Kreuzigung Christi gesprochen. Es gibt unzählige Bücher und Filme, die sein Leiden darstellen. Es wird weniger über einen einsamen, aber sehr bedeutungsvollen Moment gesprochen – sein Gebet im Garten Gethsemane, kurz bevor man ihn gefangen nahm.
Im Lukas Evangelium lesen wir, was Jesus in dieser Stunde des geistigen Schmerzes im Gebet sagte: „Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir. Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen. … Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte.“ (siehe Lukas 22, Verse 42 und 44)
Wie groß muss das Leiden eines Menschen sein, aus dessen Poren Blut dringt?
Der Messias hat die Schrecken und Ungewissheiten des physischen Todes durch seine Auferstehung überwunden. Er hat außerdem auch die Last unserer Schwächen getragen, all unseren Kummer, unser Leid, unsere Krankheiten und alle Arten von Bedrängnis, die man als Sterblicher erleben kann. Es gibt keine Seelenqual, keine Betrübnis, die er nicht für uns durchlitten hätte.
Dies gibt uns vielleicht eine Vorstellung von den Dimensionen seines Opfers. Ich bin jedes Mal tief bewegt, wenn ich darüber nachdenke, wie unvorstellbar viel Liebe und Mitgefühl er aufgebracht haben muss, um uns Perspektiven voll von begründeter Hoffnung auf Heilung von Schmerzen, Leiden, Einsamkeit, Ungerechtigkeiten und Folgen von Fehlern über dieses Leben hinaus zu eröffnen.
Unabhängig davon, was jeder von uns im Detail glauben oder auch nicht glauben mag, so können wir jedoch alle aus diesem beispiellosen Akt der Liebe lernen, unsere Sinne mehr darauf zu richten, wie wir durch einfache Taten, die Leiden eines anderen Menschen verringern, Trost spenden und Hoffnungslosigkeit in Hoffnung verwandeln können.
Ich wünsche Ihnen ein frohes Osterfest.„
Bei der Vorbereitung auf die Botschaft haben mich ein Gemälde, das ich immer sehr gern im Freiberg Tempel anschaue und das Lied „Gloria“ aus Rob Gardner´s großartigem Oratorium „Lamb Of God“ beschäftigt und meine Gedanken beeinflusst.
Frohe Ostern und eine aufbauende Generalkonferenz.